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Bostons Olympiabewerbung : Die Zweifel einer sportbegeisterten Stadt

So sollte es aussehen: Bostons Pläne für 2024 Bild: Reuters

Hamburgs amerikanischer Gegenspieler hat Probleme. Seit ihre U-Bahn stehen blieb, zweifeln Bostons Bürger, ob sie die Spiele 2024 überhaupt packen würden. Dazu kommt Widerstand mitten aus der städtischen Bürgerschicht - und eine seltsam terminierte Volksabstimmung.

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          Sollte die Bewerbung der Stadt Boston um die Olympischen Sommerspiele 2024 scheitern, werden die Historiker festhalten, dass die Kampagne schon im Winter 2015 verlorenging. Am 8. Januar dieses Jahres gab das Nationale Olympische Komitee der Vereinigten Staaten (USOC) Boston überraschenderweise den Vorzug vor San Francisco, der Bundeshauptstadt Washington und dem Favoriten Los Angeles, der Stadt der Spiele von 1984 und 1932. Eine Umfrage eines Radiosenders ermittelte zu diesem Zeitpunkt unter den Einwohnern der Großregion von Boston eine Zustimmung von 51 Prozent – eine knappe Mehrheit, aber immerhin eine Mehrheit. Zwei Monate später war dieser Wert auf 36 Prozent gefallen. In der jüngsten Umfrage, deren Ergebnisse am Donnerstag der vergangenen Woche veröffentlicht wurden, ist die Unterstützung zwar auf 40 Prozent gestiegen, aber diese Erholung wird vielleicht nicht ausreichen, um der Dynamik der öffentlichen Diskussion noch einmal eine neue Wendung zu geben.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Boston 2024, das private Unternehmen, das die Bewerbung eingereicht hat, befindet sich in der argumentativen Defensive, sah sich mit peinlichen Enthüllungen und unangenehmen Nachfragen konfrontiert. Um die Initiative zurückzugewinnen, hat die Bewerberfirma eine Kehrtwende in der Frage der Beschaffung demokratischer Legitimität für das Großprojekt vollzogen. Zunächst hatte man erklärt, man werde sich von einem etwaigen negativen Ausgang eines Referendums nicht beirren lassen. Am 24. März schlug John Fish, der Chef von Boston 2024, eine Volksabstimmung im Bundesstaat Massachusetts vor, deren Ergebnis man akzeptieren werde.

          Fackel der Freiheit

          Boston ist einer der Ursprungsorte der amerikanischen Revolution. Die Bürger sind stolz darauf, dass hier, olympiabildlich gesprochen, die Fackel der Freiheit entzündet wurde. Statuen im Stadtbild verewigen die Gründerheldentaten, darunter eine sportliche Höchstleistung ersten Ranges: Der Goldschmied Paul Revere ritt in der Nacht vom 18. auf den 19. April 1775 die 20 Kilometer von Boston nach Lexington, um die Nachricht vom Ausrücken der königlichen Truppen ins Lager der Aufständischen zu bringen. Dass die Revolutionäre die Entscheidung in ihrem Disput mit König und Parlament im Krieg suchten, verstanden sie als Appell an den Himmel im Sinne des englischen Philosophen John Locke.

          Auch die Betreiber der Olympiabewerbung suchen ihr Heil nun in einem Gottesurteil, indem sie an das Volk appellieren, das sich einstweilen mit reichlich ungnädigen Geräuschen vernehmen lässt. Man muss diesen Schritt wohl einen Akt der Verzweiflung nennen: Er bringt den Zeitplan durcheinander. Erst im November 2016, zehn Monate vor der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), soll die Volksabstimmung stattfinden. Schon im September dieses Jahres müssen aber die Nationalen Olympischen Komitees verbindlich ihre Nominierungen melden; im Frühjahr 2016 erstellt das IOC eine Shortlist. Es kann also sein, dass Boston nach der offiziellen Anmeldung kampflos ausscheiden wird und nicht mehr durch eine andere amerikanische Stadt ersetzt werden kann. Die anderen Aspiranten, bisher Rom, Paris und Hamburg, könnten dann – sofern sie auf die Shortlist gelangen – die Sache ohne amerikanische Konkurrenz ausmachen.

          Außenseitertriumph einer sportbegeisterten Stadt

          Bürgermeister Marty Walsh hat sich nach skeptischen Anwandlungen zum Fürsprecher der Kandidatur gemacht, strebt allerdings eine Zustimmung in der Stadtbevölkerung in der Größenordnung von 70 Prozent an. In der jüngsten Umfrage haben sich zwar mehr Befragte aus dem Stadtgebiet positiv als negativ geäußert, doch wird die 50-Prozent-Marke auch in der Stadt verfehlt. Aus dem Stadtrat kommt die Forderung, die Stadt solle ihre eigene Bürgerbefragung abhalten.

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