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Peking 2022 : Olympia auf Idiotenhügeln

Fröhlich ist anders: Die Inspekteure des IOC (in der Mitte Alexander Schukow) vor einem Modell des Skigebiets Zhangjiakou Bild: AP

Der Deal ist gemacht: Peking wird wohl die Winterspiele in sieben Jahren bekommen – auch ohne Gebirge und echten Schnee. Schuld daran sind auch die Deutschen.

          3 Min.

          Olympia 2022 in Peking – das würde bedeuten, dass erstmals in einer Stadt, die bereits die Sommerspiele ausgerichtet hat, auch die Winterversion des Sportspektakels stattfindet. Ursprünglich wollte München das auch einmal schaffen, doch unterwegs verloren die Bayern den Mut und kippten die Bewerbung bei einer Bürgerbefragung. Was jetzt kommt, haben sie also mit zu verantworten: China wird das Rennen wohl machen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Eventuelle Zweifel daran, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Deal mit Peking abschließen wird, wurden spätestens am Samstag zerstreut, als der Russe Alexander Schukow, Chef der Inspektionsgruppe des IOC, zum Abschluss des fünftägigen Evaluierungsbesuchs eine Pressekonferenz abhielt. „Unser Besuch hat bestätigt, dass Peking in der Lage ist, die Winterspiele 2022 erfolgreich abzuhalten“, sagte er zunächst noch recht allgemein. Dann pries er die Bewerber für ihre „Expertise und ihr Wissen“, betonte die große Unterstützung durch die chinesische Regierung und die Öffentlichkeit und bescheinigte dem Kandidaten, er habe „den Geist und die Ziele der Agenda 2020“, des Reformwerks des IOC-Präsidenten Thomas Bach, verinnerlicht. Die hohe Luftverschmutzung, die langen Transportwege, den Schneemangel und den Umgang des künftigen Gastgeberlandes mit den Menschenrechten sah er nicht als Problem an. Aber was sollte er auch sagen?

          Das IOC hat nach etlichen Rückziehern – unter anderem auch von Oslo – nur noch die Wahl zwischen zwei schwierigen Kandidaten: Almaty in Kasachstan, das eine herrliche Winterkulisse bietet, aber Finanzierungsprobleme hat. Und Peking, das keinen Winter-Spirit bietet, aber einen großen Markt, Millionen potentieller Skifahrer und wirtschaftliche Sicherheit. Am 31. Juli wird bei der Vollversammlung in Kuala Lumpur gewählt – das Ergebnis wird wohl keine Überraschung mehr sein.

          In der Praxis dürfte das so aussehen: Die Eröffnungs- und die Schlussfeier finden im berühmten „Vogelnest“, dem Olympiastadion von 2008, statt, Curling im Schwimmstadion „Water Cube“, Eishockey in der Basketball-Halle. Die nordischen Wettbewerbe sind knapp 200 Kilometer entfernt in der Zhangjiakou Arena vorgesehen, einer Region mit Erhebungen, die ein echter Gebirgler höchstens als Idiotenhügel bezeichnen würde. Schnee fällt dort so gut wie nie.

          Die Bob- und Rodelbahn und die alpinen Pisten werden 40 Kilometer weiter in der Region Yanqing gebaut, wobei eine Abfahrtsstrecke auf dem mit 2180 Meter höchsten Berg entstehen soll. Die vom Weltverband vorgegebene Untergrenze von 800 Meter Höhenunterschied wird mit Ach und Krach erklommen. Auch hier muss die weiße Auflage durch Schneekanonen produziert werden. Kein Problem, befand Chefinspekteur Schukow, schließlich sei es kalt genug für die Schneeproduktion. Das Problem, dass die ganze Gegend unter alarmierender Trockenheit leidet, wurde ausgeklammert.

          Die Bewerber hatten alles getan, um der IOC-Gruppe die Arbeit zu erleichtern. Damit sie besser atmen konnte, wurden ganze Kraftwerke abgeschaltet – trotz allem betrug die Feinstaubbelastung der Pekinger Luft während der Inspektionstage das Sechsfache des Grenzwertes der Welt-Gesundheitsorganisation. Schukow verwies auf die beim jüngsten Volkskongress verkündeten Maßnahmen gegen die Umweltverschmutzung. Außerdem hätte die Regierung ja auch bei den Sommerspielen 2008 kurzfristig für saubere Luft gesorgt.

          China von Kritik genervt

          Womit er beim Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit und damit bei der Agenda 2020 war, die ja außerdem den Abschied vom Gigantismus einleiten und die Athleten ins Herz der Spiele zurückbringen soll. Tatsächlich hat Peking, dessen Kosten für die Sommerspiele 2008 explodiert waren, ein bescheidenes Budget vorgelegt. Für die operativen Kosten der Spiele wurden 1,8 Milliarden Euro veranschlagt, für Baumaßnahmen und Renovierung 1,5 Milliarden Euro. Der Hochgeschwindigkeitszug, mit dem der Olympiatross in 50 Minuten – statt wie bisher drei Stunden – zu den Outdoor-Wettbewerben gelangen soll, kommt in den Berechnungen nicht vor. Er habe, heißt es, nichts mit Olympia zu tun und würde ohnehin gebaut. Für diese fast 200 Kilometer lange Bahnstrecke müssen Dörfer weichen, es werden Brücken und Tunnels entstehen.

          Wirbel aus der Trommel: Für Schnee wird gesorgt.

          Geplant sind außerdem zwei neue Autobahnen. Angaben über die Kosten wurden verweigert, vielleicht um den Eindruck zu verwischen, Peking 2022 könnte irgendwelche Ähnlichkeiten mit Sotschi 2014 haben, das mit seinen 35 Milliarden Euro die Welt schockierte. Peking gibt sich also in diesem Fall zumindest rechnerisch Mühe, den Anforderungen der Agenda 2020 zu entsprechen. Dass die Athleten auf drei olympische Dörfer verteilt würden, ist wiederum nicht im Sinne der Reformen. Die Wahrheit ist: Angesichts der Lage wird sich Präsident Bach mit der Umsetzung seiner Agenda gedulden müssen.

          Die Auseinandersetzung mit Menschenrechtsorganisationen steht ihm ohnehin wieder ins Haus – auch Almaty wäre da keine bessere Lösung. Schon zum Empfang der IOC-Inspekteure hatten sich Gruppen aus Tibet zu Wort gemeldet, die China anklagten, seine vor den Sommerspielen 2008 gegebenen „Versprechen gebrochen“ zu haben, es werde die Menschenrechtssituation verbessern. Da wurden die beflissenen Gastgeber dann doch kurz ungemütlich. „Natürlich werden gewisse Individuen die Chance nutzen, ihre eigenen Interessen und Vorhaben zu verfolgen“, sagte Wang Hui, die Medienchefin der Bewerbung. Die parteinahe „Global Times“ verbat sich weitere Nervereien: „Die Chinesen sind ihre dauernde Manipulation und Wortklauberei leid“, schrieb die Zeitung. „Der Tag kann nicht fern sein, an dem auch der Westen genug von ihnen hat.“

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