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Olympia 2016 : Wie ein Freier vor einer schönen Prinzessin

  • -Aktualisiert am

Darin steckt große Begeisterung: im Maison Olympique bewarben sich, „sehr professionell”, die um Aufnahme buhlenden Sportarten Bild: AFP

Golf, Siebener-Rugby, Squash, Inline-Skating, Karate, Softball und Baseball: sieben Sportarten buhlen um die Aufnahme ins Olympische Programm für die Spiele 2016 - und das Geld des IOC. Der Weg zum Schotter ist steinig. Vom Buhlen und Balzen in Lausanne berichtet Evi Simeoni.

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          Welch ein Klinkenputzen in der Hauptstadt der Sportfunktionäre! Lausanne, die nur scheinbar idyllische Stadt am Genfer See, ist in dieser Woche die Metropole der internationalen Antichambrierer. Schon am Montag fuhren immer wieder Kleinbusse voller großer und kleiner, schwarzer, weißer und asiatischer Menschen die Uferstraße entlang Richtung Maison Olympique, Hauptquartier des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Delegierte von sieben Sportarten produzierten sich vor der Exekutive wie Freier vor einer schönen Prinzessin, die ein großes und blühendes Reich ihr Eigen nennt. Ein klitzekleines Squash-Mädchen wurde genauso ins Rennen geschickt wie Colin Montgomerie, der kommende Ryder-Cup-Kapitän, der für ein olympisches Golfturnier warb. Des Weiteren buhlten Siebener-Rugby, Inline-Skating, Karate, Softball und Baseball um die Gunst des hohen Gremiums und einen Platz im Olympischen Programm von 2016. Große Begeisterung allenthalben. „Sie waren alle sehr professionell“, sagte Sportdirektor Christophe Dubi am Abend. „Die Präsentationen waren allesamt sehr gut gemacht.“ Prima.

          Sexy, aber nicht ordinär, attraktiv, aber nicht penetrant

          Die Bewerber hören später vom IOC. Man muss sich nun für die kommenden, anstrengenden Tage rüsten. Es folgt nämlich ein einzigartiges Massenereignis, das die ganze Stadt erfüllen wird. Die Delegationen der vier Bewerber für die Spiele 2016 sind herangerollt für die große und wichtige Präsentation an diesem Mittwoch und am Donnerstag im Olympischen Museum und im plüschigen Luxushotel Palace. Überzeugend, nicht zu frech und nicht zu schüchtern, attraktiv, aber nicht penetrant wollen sie sein, nicht protzen, aber auch nicht ärmlich tun, sexy sein, aber nicht ordinär: Chicago, Madrid, Rio de Janeiro und Tokio, auch an dieser Stelle vorsorglich in alphabetischer Reihenfolge genannt, müssen in diesen beiden Tagen fleißig punkten.

          Lässt nun die Berge zum Propheten kommen: Jacques Rogge will den IOC-Mitgliedern die Gelegenheit geben, Präsentationen „ohne Firlefanz” zu sehen

          94 von 107 IOC-Mitgliedern kommen nach Lausanne, um sich ein Bild der vier olympischen Visionen zu machen. Am Donnerstag dürfen sie die herausgeputzten Bewerber gar in ihren Hotel-Suiten besuchen. Und es ist davon auszugehen, dass sie nur von lächelnden Gesichtern empfangen werden, denn sie sind es, die am 2. Oktober bei ihrer Session in Kopenhagen die Stadt wählen, an der in sieben Jahren Olympische Sommerspiele abgehalten werden.

          Der Berg kommt zum Propheten

          Manche Neuerungen dauern eben etwas länger. Zehn Jahre ist es her, dass das IOC sich unter dem Eindruck des Korruptionsskandals rings um Salt Lake City dazu gezwungen sah, seinen Mitgliedern künftig Besuche bei Olympia-Bewerbern zu untersagen. Einige hatten es zu wild getrieben und unverhältnismäßige Summen und Geschenke angenommen, bevor sie Salt Lake City zum Austragungsort der Winterspiele 2002 wählten. Doch die Abschaffung der Inspektionsbesuche schmerzt die Mitglieder bis heute – sie wollten, fordern sie immer wieder, sich vor der Wahl persönlich ein Bild von den technischen Details der Bewerbungen machen. Diesem Wunsch hat IOC-Präsident Jacques Rogge nun mit umgekehrten Vorzeichen entsprochen: Der Berg kommt zum Propheten.

          Die Hoteliers und Barkeeper von Lausanne, wird seither gewitzelt, wären die großen Profiteure dieser Veranstaltung. Doch Jacques Rogge sieht die Mitglieder als die Gewinner: „Sie bekommen die Gelegenheit, eine Präsentation ohne Firlefanz zu sehen“, sagte er gegenüber der Agentur AP. „Es werden keine Staatschefs da sein, keine funkelnden Videos, keine Präsentation von glamourösen Athleten.“ Ein Ziel könnte sein, dass nie wieder ein Bewerber allein durch protziges Auftreten und das Einfliegen eines der mächtigsten Männer der Welt den Zuschlag für ein Luftschloss bekommt. So, wie das Sotschi vor zwei Jahren für die Winterspiele 2014 gelang.

          Der Weg zum Schotter ist steinig

          Vibrierende Tage also am Genfer See. Der Einsatz ist hoch, doch der Sieger wird reich belohnt. Die sieben Bewerber-Sportarten dürften mit den Summen gut vertraut sein, die das IOC in der Olympia-Periode bis Peking 2008 an die Internationalen Sommersportverbände ausschüttete. Insgesamt 290 Millionen Dollar wurden nach einem vom IOC vorgegebenen Schlüssel verteilt. Die größte Zuwendung erhielt die Leichtathletik mit 28,499 Millionen, aber auch für die Geringverdiener gab es noch die beachtliche Summe von 7,9 Millionen. Doch der Weg zum Schotter ist steinig.

          Am 13. August in Berlin wird die IOC-Exekutive, der auch Vizepräsident Thomas Bach angehört, beschließen, welche beiden Sportarten sie der Vollversammlung im Oktober zur Aufnahme ins Programm empfehlen wird. Es heißt, Golf, Rugby und Inline-Skating hätten die besten Aussichten. Die Vollversammlung kann diese beiden Sportarten dann annehmen oder ablehnen. Für die fünf Verlierer gibt es aber keine Möglichkeit mehr, nachzurücken. Obwohl sie natürlich am liebsten weiter für sich werben würden bis zum Schluss. Denn auch Buhlen und Balzen gehören zu den klassischen olympischen Disziplinen.

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