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Folgen der Spiele 2016 : Das Olympia-Erbe wird zur Last für Rio

  • -Aktualisiert am

An schönen Bildern mangelt es in Rio nicht – aber zuletzt traten die dunklen Stellen hervor. Bild: Reuters

Rio de Janeiro brachte Olympia mit Anstand über die Bühne. Doch jetzt zeigen sich mit ganzer Härte die Folgen von Misswirtschaft und Korruption. Die „wunderbare Stadt“ steckt tiefer im Morast als je zuvor.

          Die Metapher vom Kater nach der Party ist die reine Verharmlosung. Die Olympiastadt Rio de Janeiro leidet nach dem Ende der denn doch rauschhaften Sommerspiele vom August nicht unter einem harmlosen Durchhänger. Sie steckt in der tiefsten wirtschaftlichen, politischen und moralischen Krise seit zwanzig Jahren. Daran sind nicht die Olympischen Spiele schuld, jedenfalls nicht allein, nicht einmal in erster Linie. Aber die zusätzlichen Ausgaben in Milliardenhöhe haben ein strukturelles Problem deutlich verschärft. Schon Wochen vor der Eröffnungsfeier vom 5. August hatte die Stadt wegen der Finanzkrise den öffentlichen Notstand erklären müssen. Die Bundesregierung in Brasília sprang mit einem Sofortzuschuss in Höhe von umgerechnet gut 830 Millionen Euro ein.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Einen großen Teil des Rettungspakets verschlangen die umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen: Abkommandierte Soldaten und Nationalgardisten, zusätzliche Bundespolizisten und kommunale Polizeibeamte waren zu bezahlen. Die Spiele mussten geordnet und sicher über die Bühne gebracht werden, alles andere wäre eine nationale Blamage gewesen. Und so kam es denn auch. Die Spiele verliefen zwar nicht reibungslos, aber ohne schwere Zwischenfälle. Am Ende behielt die Feierlaune die Oberhand, weil in Rio noch jede Party gelingt.

          Doch seit Monaten schon ist es vorbei mit dem Feiern. Das Geld aus Brasília ist verbraucht, und weitere Zuschüsse von der ebenfalls klammen Bundesregierung wird es nicht geben. Die Stadt Rio de Janeiro ist faktisch pleite, und der gleichnamige Bundesstaat ist es auch. Ein Berg von umgerechnet fast 30 Milliarden Euro Schulden hat sich aufgetürmt, und niemand weiß, wie er abgetragen werden soll: Die festen Ausgaben des Bundesstaates übersteigen in diesem Jahr die Einnahmen um 40 Prozent. Polizisten und Feuerwehrleute, Lehrer und Professoren, Ärzte und Pfleger, Richter und Strafverfolger müssen oft monatelang auf ihren Lohn warten.

          Das Dezembergehalt bekamen viele erst einen Tag vor Weihnachten ausgezahlt. Vom 13. Monatsgehalt, das allen Arbeitern und Angestellten in Brasilien eigentlich zusteht, bekamen Rios Beamte und Angestellte in diesem Jahr nichts zu sehen. Gouverneur Luiz Fernando Pezão von der Zentrumspartei PMDB, die vom neuen Präsidenten Michel Temer geführt wird, hat ein Krisenpaket durchs Parlament gepaukt. Es sieht neben drastischen Ausgabenkürzungen auch eine Erhöhung der Umsatzsteuer sowie der Preise für Strom, Benzin und den öffentlichen Nahverkehr vor. Das Ruhestandsgeld für pensionierte Beamte soll um bis zu 30 Prozent gekürzt werden.

          Aus Protest gegen die Sparpläne der Regierung des Bundesstaates unter Gouverneur Pezão und der Bundesregierung unter Präsident Temer besetzten vor den Weihnachtsferien Tausende Schüler ihre Mittel- und Oberschulen. Die Zustände in vielen Krankenhäusern und Polikliniken waren erbarmungswürdig, das Personal arbeitete trotz ausgebliebener Gehaltszahlungen weiter. Polizisten baten um Spenden der Bevölkerung, weil es keinen Treibstoff für die Einsatzfahrzeuge und kein Toilettenpapier in den Polizeiwachen gab.

          Durch die Blume: Polizei-Alltag im Dezember.

          Das ehrgeizige Programm zur Befriedung der gut 700 Favelas von Rio de Janeiro, in welchen knapp ein Viertel der sechs Millionen Einwohner der Stadt lebt, ist faktisch gescheitert. Die ersten Einheiten der Befriedungspolizei UPP waren schon 2008 aufgestellt worden. Mit Blick auf die Fußball-WM und die Olympischen Spiele sollten Drogenkartelle und Gangs ausgeschaltet werden. Das Programm war zunächst erfolgreich.

          Die Zahl der Gewalttaten ging zurück, weil die UPP-Einheiten in den Favelas stationiert blieben. Zuvor waren die Stoßtrupps der Bereitschaftspolizei bloß zu Razzien in die Armenviertel eingerückt und hatten sich hernach wieder in ihre Kasernen zurückgezogen. Doch jetzt fehlt das Geld für das teure Programm, das auch Sozialarbeit und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für die befriedeten Favelas vorsah. Prompt ist die Zahl der Verbrechen in Rio wieder in die Höhe geschnellt - im Oktober etwa um 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

          Am Boden: Momentaufnahme bei einer der vielen Demonstrationen.

          Wie in einem Brennglas bündeln sich in Rio de Janeiro die Wirtschaftskrise sowie die Unfähigkeit und Bestechlichkeit der politischen Klasse Brasiliens. Keiner der 27 brasilianischen Bundesstaaten ist so stark von den Einnahmen aus dem Ölexport abhängig wie Rio. Zu Zeiten, als der internationale Ölpreis über 100 Dollar pro Barrel lag und die Lizenzgebühren von den Ölquellen vor der Küste Rios nur so sprudelten, gaben die Hauptstadt und der Bundesstaat das Geld mit vollen Händen aus, als gäbe es kein Morgen.

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