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2016 in Rio de Janeiro : Olympia für die kleinen Leute

  • Aktualisiert am

IOC-Präsident Thomas Bach wird von Demonstranten umringt. Bild: AFP

Die Einwohner von Rio sollen von den Spielen 2016 profitieren: Bei manchen Wettbewerben wird es sogar freien Eintritt geben. Eine U-Bahn ist das größte geplante Vermächtnis. Doch Bauverzögerungen trüben die Vorfreude.

          Verglichen mit der Empörung, die dem Fußball-Weltverband vor seiner WM in Brasilien entgegenschlug, war das, was Thomas Bach am Samstag in Rio de Janeiro erlebte, eher Folklore: ein Dutzend Demonstranten, eine Umweltaktivistin mit Trillerpfeife, die in die Lobby des Hotels eindrang, wo der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) eine Pressekonferenz abhalten wollte, und aggressives Geschrei, als er das Gespräch mit der Gruppe suchte. Auf Transparenten wurde er als „Naturkiller“ beschimpft, es wurde ein „Umwelt-Holocaust“ angeprangert, womit hauptsächlich der Bau eines Golfplatzes im Landschaftsschutzgebiet von Barra da Tijuca gemeint war.

          Zum Vergleich: 2013, während des Vorbereitungsturniers zur Fußball-WM, gingen im ganzen Land mehr als eine Million Menschen auf die Straße, Molotow-Cocktails und Kokosnüsse flogen, die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein. Die Empörung galt den hohen Kosten des Turniers und der Fahrpreiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr. Fußball-Weltpräsident Joseph Blatter zog es vor, bei der WM-Eröffnungsfeier auf eine Ansprache zu verzichten, um nicht ausgepfiffen zu werden.

          Ticketpreise für die kleinen Leute

          Die Olympischen Spiele in knapp anderthalb Jahren in Rio de Janeiro bergen offenbar deutlich weniger sozialen Zündstoff als der große Kick. Das könnte auch mit einem Regierungsprogramm zu tun haben, über das die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff den IOC-Präsidenten während der Inspektionstour seiner Organisation vergangene Woche in einem zweistündigen Gespräch informierte. Bach zeigte sich „inspiriert“ von dem Gehörten. So wurden Hunderte von kleinen Unternehmen am Ausschreibungsverfahren für olympische Aufträge im Wert von 940 Millionen Euro beteiligt. Dies bezeichnete Bach in Rio als „großartigen Fortschritt“.

          Auch die Struktur der Ticketpreise berücksichtigt die kleinen Leute: 3,8 der mehr als sieben Millionen Tickets werden für weniger als 30 Dollar (26,78 Euro) verkauft, die billigsten Tickets kosten die Hälfte, dazu gibt es Rabatte für Studenten und Senioren und sogar Möglichkeiten, in Raten zu zahlen. Straßenwettbewerbe wie im Radsport oder Marathonlauf sind kostenlos zugänglich. „Olympischer Geist aus erster Hand“, nannte Bach das. Der privat finanzierte olympische Golfplatz, der Umweltschützern ein solcher Dorn im Auge ist, soll später nicht nur der reichen Elite, sondern öffentlich zugänglich sein. 250.000 Bewerber als freiwillige Helfer bekommen Kurse in Englisch und Management.

          Eine U-Bahn als zentrales Projekt der Nachhaltigkeit

          Die wichtigste Hinterlassenschaft der Olympischen Spiele aber soll die U-Bahn-Strecke zwischen Ipanema und Barra sein. Mindestens eine Million Menschen sollen später davon profitieren. Während jetzt 16,16 Prozent der Einwohner Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln haben, sollen es nach den Spielen 63 Prozent sein. „Es wird ein Rio vor den Spielen und ein Rio nach den Spielen geben“, sagte Bach. Seit den Winterspielen von Sotschi im vergangenen Jahr, die insgesamt - inklusive Korruption - mehr als 50 Milliarden Dollar gekostet haben, legt das IOC noch größeren Wert als bisher darauf, den langfristigen Nutzen eines solchen Großereignisses für ein Gastgeberland zu betonen. „Nachhaltigkeit“ ist auch einer der Kernpunkte von Bachs Reformwerk „Agenda 2020“.

          Mit Tempo zu den Spielen 2016? Dilma Rousseff will den straffen Zeitplan für die olympischen Spiele in Rio erfüllen Bilderstrecke

          Die genauen Kosten der Spiele von Rio sind allerdings immer noch nicht bekannt. Ende Januar berichtete die Öffentliche Olympia-Koordinierungsstelle, dass es für ein Viertel der 56 geplanten Projekte noch keine definitive Kostenkalkulation gebe. Für die Kosten der Spiele plus die damit verbundenen Investitionen in die Infrastruktur sind etwa 12,9 Milliarden Euro veranschlagt. Die Ausgaben des Organisationskomitees sollen etwa 2,4 Milliarden Euro ausmachen und von Sponsoren finanziert werden - der Beitrag des IOC beträgt mehr als 1,3 Milliarden Euro.

          Groß angelegtes Hilfsprogramm soll Zeitverzug beheben

          Insgesamt bereitet der Zeitverzug dem IOC immer noch die größten Sorgen - das von den Bauverzögerungen alarmierte IOC hat vor einem knappen Jahr ein massives Hilfsprogramm für die Organisatoren gestartet. „Es gilt, keinen Moment zu verlieren“, sagte Bach. „Aber ich denke nicht in Problemen, sondern in Lösungen.“ Das gilt auch für das geplante Segelrevier in der Guanabara-Bucht, wo dieser Tage Tausende von Fischkadavern zwischen Abfällen im Abwasser trieben - etwa zwölf Kilometer vom Startpunkt der olympischen Regatta entfernt. Inzwischen, so wurde Bach von der Organisatoren unterrichtet, würden 50 Prozent des Abwassers, das in die Bucht fließt, geklärt. Ziel seien 80 Prozent, was erst jüngst Luiz Fernando Pezao, der Gouverneur von Rio, als schwer erreichbar bezeichnete. Ohne Olympia 2016 aber, betonte Bach, bliebe die Guanabara-Bucht auch in Zukunft genau so schmutzig, wie es immer war.

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