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Offener Brief an IOC-Präsident : „Der Sport wird in sich zusammenbrechen“

Schwere Zeiten vor Olympia in Rio: IOC-Präsident Thomas Bach- Bild: AP

Die deutschen Leichtathleten sorgen sich nach den jüngsten Doping-Skandalen um die Chancengleichheit bei Olympia in Rio. Der Deutsche Leichtathletik-Verband appelliert nun in einem Offenen Brief an IOC-Präsident Bach.

          Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) appelliert an Thomas Bach, russischen Leichtathleten keine Hintertür zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro zu öffnen. Wenn dort Athletinnen und Athleten aus Ländern starten dürften, deren Doping-Kontrollsystem nicht den internationalen Standards entspricht, schreibt Prokop in einem Offenen Brief an den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sähen deutsche Athletinnen und Athleten das Prinzip der Chancengleichheit verletzt.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Diese Chancengleichheit sei bei den Olympischen Spielen 2008 und 2012 ganz offensichtlich nicht durchgängig gegeben gewesen, heißt es weiter, wie Erkenntnisse der jüngeren Vergangenheit zeigten. Die gezielte Untersuchung eines Teils der eingefrorenen Proben hat 32 Doper bei den Spielen von Peking und 23 bei denen von London entlarvt; in 22 der 55 positiven Fälle sind russische Sportler betroffen. Usain Bolt wird voraussichtlich eine seiner sechs olympischen Goldmedaillen verlieren, weil sein jamaikanischer Staffelkamerad Nesta Carter, wie nun die Analyse der B-Probe ergab, in Peking 2008 gedopt war.

          „Olympische Idee hintergangen“

          „Damit sind nicht nur Athletinnen und Athleten betrogen worden, auch das IOC und die olympische Idee sind hintergangen worden“, schreibt Prokop an Bach. „Ich bitte Sie daher, die Sorge der Athletinnen und Athleten ernst zu nehmen und alle Möglichkeiten für glaubwürdige und chancengleiche Wettkämpfe in Rio auszuschöpfen. Dies sind wir gemeinsam den Athletinnen und Athleten schuldig.“

          Am Freitag kommender Woche entscheidet der Welt-Leichtathletikverband (IAAF), ob er den Ausschluss der russischen Leichtathleten vom Sportbetrieb wegen systematischen Dopings aufrecht erhält. Die durch Korruptions- und Doping-Skandale angeschlagene Organisation kann, um ihr Ansehen nicht weiter zu ruinieren, eigentlich nur gegen die Russen entscheiden. Darüber hinaus geht die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) Hinweisen auf ähnliche Manipulationen in weiteren russischen Sportverbänden nach. „Für den Fall eines Ausschlusses wird bereits jetzt von Verantwortlichen des Sports diskutiert, ob dann den Athletinnen und Athleten, die negative DopingTests vorweisen, ein Start in Rio gestattet werden soll“, schreibt Prokop. „In diesem Zusammenhang ist wohl auch die Ankündigung des IOC zu sehen, die Anzahl der Doping-Kontrollen vor Rio zu verdoppeln und vor allem in Ländern wie Russland und Kenia durchführen zu lassen.“

          DLV-Präsident Clemens Prokop schickte das Schreiben an das IOC.

          Bach hatte in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Mai angedeutet, wie er sich eine Lösung der sportlichen Russland-Krise vorstellen könnte: „Es müsste geprüft werden, ob in derart ,kontaminierten‘ Verbänden die Unschuldsvermutung für Athleten aufrechterhalten oder die Beweislast umgekehrt werden kann“, schrieb er. „Dies könnte bedeuten, dass betroffene Athleten nachweisen müssen, dass ihre Doping-Tests international und unabhängig vorgenommen worden sind und den Regeln ihres Internationalen Verbandes und des Welt-Anti-Doping-Codes entsprechen, damit Chancengleichheit für alle Sportlerinnen und Sportler sichergestellt werden kann.“ Jedem Einzelnen müsse das IOC ein faires Verfahren zugestehen.

          Berichte über Behinderungen der Kontrolleure

          Zwar ist mit Doping-Kontrollen in Russland anstelle der im November suspendierten Russischen Anti-Doping-Agentur bereits im Winter die britische beauftragt worden - international und unabhängig. Doch tätig wurden die Kontrolleure, wie der russische Hammerwerfer Sergej Litwinow im Interview mit der F.A.Z. beschrieb, erst Ende März. Sieben Monate sei er ohne Kontrolle gewesen. Zudem gibt es Berichte über Behinderungen der Kontrolleure bei den Tests und bei der Ausreise mit Proben.

          Doping entfalte seinen größten Nutzen, wenn es in den Zeiten der höchsten Trainingsbelastung genommen werde, schreibt Prokop, „im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 also im Herbst 2015 und im Frühjahr 2016“. Er wende sich mit seinem Appell nicht ausschließlich gegen Russland, bestätigt Prokop, Direktor des Amtsgerichts Regensburg, im Gespräch mit dieser Zeitung. Es sei eine Illusion, mit kurzfristig anberaumten Tests, Sauberkeit von Athleten nachweisen zu wollen. „Der Sport erlebt eine Glaubwürdigkeitskrise“, sagt er. „Wenn wir nicht handeln, wird er in sich zusammenbrechen.“

          In dieser Woche hat die F.A.Z. nachgewiesen, dass die Wada vor dem Austausch von mehr als hundert belastenden Proben bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 gewarnt war und untätig blieb . Durch die Suspendierung des Kontrolllabors von Bloemfontein in Südafrika - neben denen von Moskau, Peking, Lissabon und Madrid - arbeitet im Moment keine einzige solche Einrichtung auf dem gesamten Kontinent mit den Läufer-Hochburgen Kenia, Äthiopien, Eritrea und Marokko. Noch immer ist nicht geklärt, ob die B-Proben von Sotschi gesichert sind und nachgeprüft werden können; noch immer hat die Wada nicht bekannt gemacht, welche elf Weltverbände olympischer Sportarten neben dem der Boxer Doping-Tests praktisch vollständig verweigern.

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