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Offener Brief im Hockey : „Permanent im Krisenmodus“

  • Aktualisiert am

Markus Weise ist einer der früheren Bundestrainer, die den offenen Brief geschrieben haben. Bild: dpa

Vier ehemalige Hockey-Bundestrainer, die sich einst andere Aufgaben suchten, gehen in einem offenen Brief mit dem Verband ins Gericht. Das ist ein einmaliger Vorgang im deutschen Sport.

          Vier ehemalige Bundestrainer des Deutschen Hockey-Bundes (DHB), die der Verband jeweils gerne behalten hätte, die sich aber andere Aufgaben suchten, äußern sich besorgt über den Zustand ihres alten Arbeitgebers. Das ist ein einmaliger Vorgang im deutschen Sport, beweist aber, dass ein Teil des Zusammenhalts der gerne als „Hockey-Familie“ umschriebenen Szene noch gegeben ist. Allerdings sind diesem offenen Brief Monate vorausgegangen, in denen es an teils drastisch formulierten anonymen Schreiben und vorsichtiger formulierten öffentlichen Vorwürfen nicht gemangelt hat. Seit das Präsidium zum 31. Juli 2018 die Zusammenarbeit mit Marketing-Direktor Jan Fischer beendet hat und der für Finanzen und Recht zuständige Vizepräsident Remo Laschet diese Aufgaben kommissarisch mit übernommen hat, wirkt das Betriebsklima als nachhaltig gestört.

          Das alles trifft den DHB in einer Phase, in der er die Leistungssportreform des Deutschen Olympischen Sport-Bundes umsetzen muss, sich wegen der Spielreformen des Weltverbandes einer zunehmenden Professionalisierung ausgesetzt sieht und sich die Bundesligavereine vom Verband lösen, ihren Ligenbetrieb selbst organisieren wollen sowie ein Mitspracherecht im geschäftsführenden Vorstand fordern. Gut 17 Monate vor dem Beginn der Olympischen Spiele in Tokio präsentiert sich der DHB, in der Vergangenheit ein verlässlicher olympischer Medaillenkandidat, heftig verstrickt in interne Machtkämpfe. Am 25. Mai steht beim Bundestag in Grünstadt die Wahl des Präsidiums an. (pep.)

          ***

          Liebe Freunde des Hockeys,

          die ehemaligen Bundestrainer des Deutschen Hockey-Bundes im Damen- und Herrenbereich, Peter Lemmen, Jamilon Mülders, Bernhard Peters und Markus Weise, vereint das große Interesse an unserer attraktiven Sportart, der Respekt gegenüber den dort tätigen Menschen im Verband und in den Vereinen und die Sorge um das intakte Innenverhältnis der gegenwärtigen Verbandsführung zu ihren Mitgliedern, die Sorge um die Außendarstellung des Verbandes im Hinblick auf unsere Partner in Wirtschaft, Medien und Sport.

          Obwohl wir nicht mehr aktiv im Verband tätig sind, beobachten wir aus unseren Perspektiven mit größtem Interesse das Geschehen in und um die Nationalteams und in den Vereinen. Und natürlich verfolgen wir die – oft durch Entscheidungen des Weltverbandes ausgelösten – Veränderungsprozesse und deren Auswirkungen auf unsere Verbands- und Wettkampfstrukturen.

          Die Herausforderungen für unseren Sport und für unsere Zusammenarbeit bezogen auf Verbands- und Vereinsinteressen haben sich aus unserer Sicht auch nach unserem Ausscheiden aus den Bundestrainerrollen nicht grundlegend geändert:

          Wir brauchen erfolgreiche Nationalteams, die bei den Olympischen Spielen um die Medaillen spielen. Es ist Ausdruck einer gemeinschaftlichen Anstrengung, diese Wettbewerbsfähigkeit der Teams zu erhalten.

          Wir brauchen gesunde, wachsende Vereine im Leistungs- und Breitensport, denn die Vereine sind die Basis für alles andere.

          Wir brauchen eine intelligente Personalentwicklungspolitik im Bereich unserer Trainer und Trainerinnen. Sie ist einer der wichtigsten Erfolgsschlüssel.

          Wir müssen stetig im kritisch konstruktiven Dialog miteinander um den Ausgleich von Verbands- und Vereinsinteressen ringen.

          Wir brauchen eine klare Rückbesinnung auf unsere Stärken, denn nur damit sind wir wettbewerbsfähig. Mit all den Kompetenzen innerhalb unseres akademisch geprägten Systems haben wir bereits jetzt die Bordmittel, um auch zukünftig visionäre und anspruchsvolle Ziele zu verfolgen.

          Und bei allen legitimen persönlichen Zielen: Es geht nicht ums alleinige Herrschen, es geht ums gemeinsame Gelingen!

          Um diese übergeordneten Ziele zu erreichen, brauchen wir eine herausragende, weit- und umsichtige Verbandsführung, d.h. ein reibungsloses, zielorientiertes Zusammenspiel von Präsidium und Vorstand, von Ehren- und Hauptamt, der Liga und den Vereinen. Dies scheint uns seit geraumer Zeit oft gestört.

          Im deutschen Hockey läuft nach Ansicht von vier früheren Bundestrainern einiges schief.

          Aus unserer Perspektive werden komplexe Probleme auf die Schultern zu weniger Mitstreiter abgeladen. Innerhalb des Präsidiums führt dies zum Beispiel zu einer Aufgabenhäufung bei Vizepräsident Remo Laschet, der verschiedene Ressorts auf sich vereint. Auf Vorstandsebene führen zu viele Aufgaben über Sportdirektor Heino Knuf. Ein solch gewachsener Zustand von Aufgaben- und Machtfülle ist in der Regel für Systeme kennzeichnend, die sich permanent im Krisenmodus befinden. Wie wollen wir mit einer solchen Konstruktion eine zeitgemäße und zielorientierte Zusammenarbeit sicherstellen, die weitestgehend ohne Reibungsverluste funktioniert?

          Wir plädieren deshalb für:

          Eine weitgehende Neuausrichtung des Verbandes, seines Präsidiums und des Vorstandes, um eine bessere Aufgabenteilung sicherzustellen und die Führungsarbeit konsequenter an den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen auszurichten.

          Eine Neuaufstellung des Präsidiums mit einer klaren Aufteilung der Ressorts, kein Mitglied des Präsidiums darf mehr als ein Ressort führen.

          Eine Neuaufstellung des Vorstandes des DHB. Die Nationalteams brauchen eine sportliche Vertretung mit Stimme auf Vorstandsebene, nur so kann die überlebensnotwendige Bedeutung für den Verband auf Entscheidungsebene sichergestellt werden. Ebenso braucht die Bundesliga einen stimmberechtigten Sitz auf Vorstandsebene, eine solche Konstellation birgt große Gestaltungsmöglichkeiten und erhöht die Chancen auf ein konstruktives Miteinander in der Spielplangestaltung ebenso wie bei der Planung von hochkarätigen Veranstaltungen in Feld und Halle.

          Wir wünschen uns für die anstehende Wahl von Präsidium und Vorstand anlässlich des Bundestages in Grünstadt eine entsprechend aufgestellte Kandidaten-Mannschaft, die sich den Delegierten mit einem überzeugenden Programm zur Wahl stellt.

          Gezeichnet: Peter Lemmen (Damen-Bundestrainer 2001 – 2003), Jamilon Mülders (Damen-Bundestrainer 2012 – 2017, Bernhard Peters (Herren-Bundestrainer 2000 – 2006), Markus Weise (Damen-Bundestrainer 2003 – 2006, Herren-Bundestrainer 2006 – 2015/die Red.)

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