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Brief an Prof. Werner Franke : „Warum kündigen Sie den Doping-Opfern Ihre Loyalität auf?“

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Ich habe mir ungläubig die Augen gerieben und innerlich laut ausgerufen: Was geht denn hier ab? Ist der Werner Franke, dem die Opfer des DDR-Doping-Zwangssystems so am Herzen lagen und für die er keine Mühe gescheut hat, wirklich aktiver Mitautor des Schreibens an die Mitglieder des Sportausschusses des Deutschen Bundestages und Mitautor des 62-seitigen Papiers „Blackbox DOH“? Schon die mehrfach Grenzen überschreitende Wortwahl der Papiere ließ jeden Zweifel an einer sogar ganz wesentlichen Autorenschaft fallen. Was hat Sie dazu getrieben, den Doping-Opfern so drastisch und gnadenlos Ihre Loyalität aufzukündigen? Erwachsene Doping-Opfer sind jetzt für Sie kriminelle Täter, gleichwohl mit Verlassen der Minderjährigkeit es keinen realen, schon gar nicht einfachen Weg aus dem staatlichen Zwangs-Doping gegeben hat. Ist für Sie jetzt plötzlich die als Minderjährige bereits gedopte und als Volljährige weiter dopende Leichathletin mit ihrem 18. Geburtstag von der Opfer- in die Betrüger-Kategorie gerutscht?

Adressat des offenen Briefes: Professor Werner Franke

Meinen Sie es wirklich mit Ihrer Behauptung ernst, die im Doping-Zwangssystem der DDR erwachsen gewordenen Sportlerinnen und Sportler hätten, nur weil sie volljährig geworden sind, heldenhaft aus dem Sport aussteigen können und müssen? Nein, so leicht war das im Doping-Zwangssystem der DDR eben gerade nicht. Alle Sportler des Doping-Zwangssystems der DDR waren Opfer eines staatlichen Zugriffs in einem diktatorischen System. Gerade diese Erkenntnis und die Willkür des Staates DDR waren Grundlage der strafrechtlichen Verfolgung der Verantwortlichen in den Berliner Doping-Strafprozessen.

„Zerstören Sie Ihr Bild des Anti-Doping-Kämpfers nicht selbst“

Die Angeklagten in den Strafprozessen haben sich gegen die strafrechtlichen Vorwürfe zumeist mit der Ausrede verteidigt, dass die Sportlerinnen und Sportler im Doping-Betrugssystem freiwillig mitgemacht und ihren eigenen persönlichen Erfolg mit der wissenden Akzeptanz der „unterstützenden Mittel“ zielgerichtet angestrebt haben. Dagegen sind wir beide argumentativ unter Hinweis auf die erstens fehlende Aufklärung der Sportlerinnen und Sportler über mögliche Nebenwirkungen der verabreichten Mittel und zweitens mit dem Hinweis auf den kaum auszuweichenden Zwang des staatlichen DDR-Sportsystems entgegengetreten. Wir beide haben alle betroffenen Sportler, erwachsen oder nicht, gegen solche Angriffe der Täter immer und entschieden verteidigt. Dass Sie, lieber Werner Franke, sich genau die von höchstrichterlicher deutscher Rechtsprechung verworfene Verteidigungsstrategie der Täter jetzt zu eigen machen, mag verstehen, wer will. Ich nicht.

Ich weiß, lieber Herr Werner Franke, dass für Sie die Freiheit der Wissenschaft und die Forschungsfreiheit des Wissenschaftlers grenzenlos sind. Diese Freiheit war für Sie oft Rechtfertigung eigenen, durchaus und nicht ganz zu Unrecht kritisch bewerteten Handelns, gerade auch bei Ihrem Engagement gegen Doping und für die Doping-Opfer. Diese Freiheit der Forschung steht zweifelsohne auch anderen Wissenschaftlern zu. Der Doping-Opferhilfeverein und die Doping-Opfer sind froh, dass sich die Wissenschaft des Themas der Erforschung möglicher Schädigungen durch Doping annimmt. Wir sind deshalb sehr zufrieden, dass an den Helios-Kliniken in Schwerin eine Langzeitstudie zu Schädigungen der Opfergruppe der 2. Generation durchgeführt wird. Es ist keine Frage, dass solcher Forschungseinsatz unsere ernsthafte Beachtung und unsere uneingeschränkte Anerkennung verdient hat.

Die Doping-Opfer sind Ihnen, lieber Werner Franke, zu erheblichem Dank und Anerkennung verpflichtet. Zerstören Sie Ihr Bild des aufrechten, den Doping-Opfern immer in Loyalität verbundenen Anti-Doping-Kämpfers nicht selbst.

Ich habe den vakant gewordenen Vorsitz des Dopingopfer-Hilfevereins in Kontinuität unser beider Einsatz für die Doping-Opfer übernommen. Lieber Werner Franke, helfen Sie wieder mit.

Ihr Michael Lehner

Heidelberg im Januar 2019

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