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Nikolas Hill : Ein Beamter für Olympia

Nikolas Hill Bild: WITTERS

Nikolas Hill ist Chef der Hamburger Bewerbung für die Sommerspiele 2024. Bevor es aber richtig losgeht, entscheiden die Bürger – auch über die Zukunft der politischen Ausnahmeerscheidung als Olympiamanager.

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          Schwieriger könnte die Aufgabe gar nicht sein, als die Menschen gerade jetzt von einer Großveranstaltung wie Olympia in ihrer Stadt zu überzeugen. Da ist nicht nur die Terrorgefahr das befürchtete Risiko. Der Strom der Flüchtlinge nach Westeuropa reißt nicht ab und setzt viele Kommunen in Deutschland stark unter Druck. Zudem fragen sich viele, wie sinnvoll bei all den Skandalen im Sport solche meist sehr umstrittenen Milliardenprojekte noch sind. „Das alles hilft uns nicht und macht die Mobilisierung der Menschen nicht einfacher“, sagt Nikolas Hill im Gespräch.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Als Geschäftsführer der Hamburger Bewerbungsgesellschaft für die Sommerspiele 2024 darf er kein Pessimist sein. „Es könnte ja noch schlechter aussehen“, sagt er und geht davon aus, dass in der Stadt weiterhin eine positive Grundeinstellung zu den Spielen existiere. „Wenn uns unter diesen schwierigen Bedingungen gelingt, das Referendum zu gewinnen, dann wird die Bewerbung erst recht richtig Schwung aufnehmen.“

          Darauf ist nicht nur sein Blick gerichtet: An diesem Sonntag endet der seit dem 26. Oktober laufende Bürgerentscheid zu der Frage, ob die Bevölkerung in der Hansestadt diese Großveranstaltung will oder nicht. Das Referendum ist aus Sicht des Sports dann erfolgreich, wenn mehr Ja- als Neinstimmen abgegeben werden und mindestens 20 Prozent der Wahlberechtigten zustimmen - das wären fast 260.000. Schon vor den Paris-Attentaten sank nach einer Forsa-Umfrage die Zahl der Olympiabefürworter in der Stadt auf 56 Prozent.

          Als Chef-Olympiamanager ist Hill über die Grenzen der Stadt hinaus gänzlich unbekannt. Der 43 Jahre alte promovierte Jurist kommt nicht aus dem Sportbusiness und gehört auch nicht zum Zirkel der Sportagenten, die sich überall bei Organisatoren mit ihren Diensten und manchmal dubiosen Funktionärsnetzwerken anbieten. Hill wurde in Hamburg geboren und wäre Staatsrat der Behörde für Justiz und Gleichstellung, wenn er jetzt nicht die Bewerbungsgesellschaft führte. Sie hat ihren Sitz im Unilever-Haus in der Hafencity. Neben Hamburg (26 Prozent), dem Bund (18 Prozent), dem Land Schleswig-Holstein und der Stadt Kiel (Segelstandort) mit jeweils 2 Prozent sowie der Handelskammer Hamburg (1 Prozent) ist der Deutsche Olympische Sportbund mit 51 Prozent an der Gesellschaft beteiligt.

          In seiner Heimatstadt gilt Hill als politische Ausnahmeerscheinung. Denn der Christdemokrat überstand 2011 den Regierungswechsel zum Ersten Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Entscheidend dafür war wohl, dass Hill in seiner früheren Position als Kulturstaatsrat Wege aus dem fast gescheiterten und finanziell völlig aus dem Ruder gelaufenen Prestigeprojekt um die Elbphilharmonie fand.

          „Hamburg hat aus den Fehlern mit der Elbphilharmonie gelernt“, sagt Hill. Für die Olympiaplanung seien fast 700 Projekte durchgeplant, durchkalkuliert und mögliche Preise im Jahr 2024 berücksichtigt worden. Kosten soll Olympia in Hamburg 11,2 Milliarden Euro, bei erwarteten Erlösen von 3,8 Milliarden. Die Differenz von 7,4 Milliarden soll aus Steuermitteln kommen, davon will Hamburg maximal 1,2 Milliarden tragen, den Rest soll der Bund übernehmen.

          Das ist der Stand heute. Aber bleibt es dabei? Weitere 10 Milliarden Euro kommen für städtebauliche Maßnahmen aus privatwirtschaftlichen Investitionen und für Rückbaukosten zu den 11,2 Milliarden dazu. „Aus Hamburger Perspektive kann es doch keine sinnvollere Investition für die Bürgerinnen und Bürger geben, als dass sie für 1,2 Milliarden Euro Einsatz Leistungen im Wert von 21 Milliarden Euro erhalten“, sagt Hill. Die Spiele gäben der Stadt einen Modernisierungsschub, um auch weiter wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben.

          Der höchste Hamburger Olympiamanager mit Beamtenstatus gilt als analytisch, hanseatisch unemotional, pragmatisch in der Lösungssuche und als selbstbewusster Teamplayer. Hill hat in der Olympia-Gesellschaft, für die bisher 25 Leute arbeiten, eine Abteilung für Stakeholder-Management installiert, die sich mit den Olympiagegnern und ihren Argumenten beschäftigt. Die Bewerbung soll auf Basis des Hamburger Transparenzgesetzes ablaufen. So könne jeder im Internet sehen, mit wem vertragliche Beziehungen bestünden. Gemeinsam mit Transparency International werde ein Ethikcode entwickelt.

          Wie mitreißend Hill als Führungsfigur für ein so gewaltiges und politisch brisantes Projekt wirklich sein kann, wird sich vielleicht noch herausstellen. Wenn sich die Hamburger für Olympia entscheiden sollten, beginnt der lange Weg durch die undurchsichtigen Instanzen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) - gegen die Mitkonkurrenten Paris, Rom, Budapest und Los Angeles. Für den Städtewettkampf wollen Hamburg und der Bund 50 Millionen Euro aufwenden; davon 25 Millionen privat finanziert. Im September 2017 wird der Ausrichter für 2024 dann von den IOC-Mitgliedern gewählt.

          Den Hamburgern werden nicht gerade die besten Chancen gegeben. Die Bewerbung setzt vor allem auf Bodenständigkeit, Antigigantismus. Aber kommt das wirklich beim IOC an, das zwar unter seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach vorgibt, an einer neuen, nachhaltigeren Strategie für überschaubarere Olympiaprojekte zu arbeiten, aber dennoch sein Milliarden-Business durch immer neue Höhepunkte befördern will? Hier bleibt Hill und den deutschen Planern nur Hoffnung. Das Motto für die Hamburger Party lautet: „Bescheidenheit. Wir wollen eine Nähe schaffen zwischen Sportlern und der Bevölkerung - die Spiele der kurzen Wege.“ Bevor es aber richtig losgeht, entscheiden die Menschen in der Hansestadt erst einmal - auch über Hills Zukunft als Olympiamanager.

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