https://www.faz.net/-gtl-a0dps

Colin Kaepernick : „Er ist ein Freund der Familie, beliebt und verehrt“

  • -Aktualisiert am

Scheint in Zeiten des Protests allgegenwärtig: Colin Kaepernick Bild: dpa

Der einstige NFL-Quarterback Colin Kaepernick sank als Zeichen des Protests schon 2016 auf die Knie. Danach verbannte ihn die Liga – kommt er nun zurück? Kaepernick hat prominente Fürsprecher.

          3 Min.

          Es war eine ungewöhnliche Szene, die sich am Montag im Washingtoner Kongress abspielte. Da hatten sich mehr als zwanzig Abgeordnete der Demokratischen Partei versammelt, um exakt 8 Minuten und 46 Sekunden lang dem jüngsten Opfer der landesweiten Polizeibrutalität ihren Respekt zu bezeugen. Die Zeitspanne sollte daran erinnern, wie lange der wehrlose Afroamerikaner George Floyd, stranguliert vom Knie eines inzwischen wegen Totschlags angeklagten Polizisten, um sein Leben gebettelt hatte, ehe er an den Folgen starb. Alle Politiker, darunter Nancy Pelosi, die als ranghöchste Repräsentantin nach dem Präsidenten und seinem Vize dem Abgeordnetenhaus vorsteht, waren dazu zum Kniefall zu Boden gesunken.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Es handelt sich um denselben symbolischen Protest, mit dem der schwarze Football-Quarterback Colin Kaepernick im Herbst 2016 als erster amerikanischer Profi-Sportler das Thema Polizeibrutalität in den Blickpunkt gerückt hatte. Dass seine Aktion vor NFL-Spielen beim Abspielen der Nationalhymne heute die Inspiration für zahllose Nachahmer sein würde, dürfte kaum jemand vorausgesehen haben. Denn damals kam es zu einem Spießrutenlaufen, angeheizt von Präsident Donald Trump. Spieler hätten gefälligst zu stehen, wenn die Hymne erklinge, erklärte er, andernfalls sollten sie entweder gesperrt werden oder „vielleicht gar nicht im Land sein“.

          Als Kaepernick aufgrund der Kontroverse 2017 vorzeitig aus einem bestens dotierten Vertrag mit den San Francisco 49ers ausstieg, wurde er von den anderen 31 Klubs konsequent geschnitten und musste vor Gericht ziehen, um sich wenigstens eine Schadensersatzsumme zu erkämpfen. Mehr als hundert Quarterbacks, die meisten nicht halb so gut wie er, bekamen seitdem einen Job.

          Der Mann mit der riesigen Afro-Frisur blieb trotzdem persona non grata und wurde von vielen NFL-Spielern kritisiert. Seine Trikots wurden von aufgebrachten Fans verbrannt. Wie tief all das noch in den Köpfen der Verantwortlichen der Liga sitzt, dokumentierte NFL-Geschäftsführer Roger Goodell, als er vor gut einer Woche auf den in den sozialen Medien angeschwollenen Ärger schwarzer Football-Profis über die alltägliche Diskriminierung reagierte.

          „Wir, die National Football League, verurteilen Rassismus und die systematische Unterdrückung schwarzer Menschen“, sagte er in einem Video, in dem er die Symbolfigur des Protests bewusst mit keinem Wort erwähnte: „Wir, die National Football League, geben zu, dass es falsch war, nicht schon früher auf die NFL-Spieler gehört zu haben, und ermutigen alle, sich zu äußern und friedlich zu protestieren.“

          Doch der 32 Jahre alte Kaepernick braucht in diesem Tagen weder den Mund aufzumachen, noch muss er sein Gesicht zeigen. Er schwebt auch so wie ein unsichtbarer Geist über dem Geschehen. Angesichts der Massenproteste im Rahmen der Kampagne „Gerechtigkeit für George Floyd“ gilt er nicht mehr als aufsässiger Störenfried, sondern als Visionär: als glaubwürdiges Gesicht einer Protestbewegung, die unter dem Slogan „Black Lives Matter“ immer mehr Anhänger findet.

          Wer über den Helden im Hintergrund berichten wollte, war auf Gerüchte angewiesen. Er sei in bester körperlicher Verfassung, hieß es aus seinem Umfeld. Und sei „motivierter denn je“, wieder in die NFL zurückzukehren. „Wenn sie das Richtige tun wollen“, dann müsse eines der Teams ihn demnächst verpflichten, schrieb die „Los Angeles Times“ in einem Kommentar.

          Dass Sportler durch politische Aktionen zu Vorzeigefiguren werden, passiert selten. Kein Wunder: Der berühmteste Fall, die Sprinter Tommie Smith und John Carlos mit ihren erhobenen Black-Power-Fäusten bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexico City, dokumentierte zur Genüge, was solchen Demonstranten droht: die prompte gesellschaftliche Ächtung inklusive Berufsverbot.

          Auch ohne NFL-Vertrag ist Kaepernick präsenter denn je derzeit.

          Die Aversionen gegen Kaepernick sind vergleichsweise schnell umgeschlagen in Respekt. Der einstige NFL-Erfolgstrainer Tony Dungy verglich ihn sogar mit Muhammad Ali. „Es gibt viele Parallelen zwischen Colin und meinem Vater“, sagte Alis Tochter Khaliah: „Er steht hundertprozentig für Integrität und setzt sich beharrlich für eine Verbesserung der Lage seiner Mitmenschen ein. Er ist ein Freund unserer Familie, beliebt und verehrt.“

          Für die NFL entsteht nun womöglich erstmals wieder genug Handlungsspielraum, um den Paria von einst wieder aufzunehmen. Zumal der nun nicht mehr bei jeder Gelegenheit protestieren muss. Sein Anliegen ist längst das Anliegen von Millionen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Lukaschenka gibt seine Stimme in einem Wahllokal in Minsk ab

          Wahlsonntag in Belarus : Unter den Augen von Soldaten

          In Belarus bereitet sich das Regime auf Proteste gegen das offizielle Ergebnis der Präsidentenwahlen vor. Amtsinhaber Lukaschenka ist gereizt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.