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Trump und der Hymnen-Streit : „Du solltest vielleicht gar nicht im Land sein“

  • -Aktualisiert am

Colin Kaepernick protestierte und hat seit einem Jahr keinen Verein mehr. Bild: AP

Ungefragt schaltete sich gar der amerikanische Präsident ein. Nun gibt es eine neue Regel für Football-Spieler. Der Umgang mit dem Hymnen-Protest schwarzer amerikanischer Profis zeigt, was wirklich zählt.

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          Er ist 30 Jahre und damit in einem Alter, in dem Sportler in den populären Profisportarten den Höhepunkt ihres Leistungsvermögens erreichen. Gesund und fit ist er auch, was für die Spieler in einer Knochenmühle wie der National Football League (NFL) eher selten ist. Obendrein gehört er zu den besten Spielgestaltern seiner Generation – ein Quarterback, der mit den San Francisco 49ers 2013 im Super Bowl stand und das Match nur knapp verlor.

          Trotzdem ist er seit mehr als einem Jahr arbeitslos. Denn keiner der insgesamt 32 NFL-Klubs sieht sich in der Lage, mit einer besonderen Facette des Menschen Colin Kaepernick umzugehen. Der Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter hatte als erster Spieler bei der Hymnen-Zeremonie vor Beginn der Spiele den stummen Protest gegenüber der Brutalität amerikanischer Polizisten gegenüber unbewaffneten dunkelhäutigen Bürgern formuliert. Er hatte ein Zeichen gesetzt: Er hatte gekniet.

          Am Mittwoch, nachdem im Laufe der Monate zahlreiche schwarze NFL-Profis dem Beispiel Kaepernicks gefolgt waren und der amerikanische Präsident Donald Trump im Herbst ungefragt dem Thema eine andere Wendung gegeben hatte, sagte Liga-Geschäftsführer Roger Goodell in einer schriftlichen Erklärung: Spieler werden ab jetzt nicht mehr gezwungen, an dem Zeremoniell teilzunehmen. Aber wer im Stadion dem theatralischen Moment beiwohnt, wird bestraft, wenn er sich nicht an die neue Regel hält: „Alle Mannschaftsmitglieder und Liga-Angestellte auf dem Platz sollen stehen und der Flagge und der Hymne ihren Respekt zollen.“

          Trump, der bei jeder Gelegenheit so tut, als sei er der Chef-Ideologe in Sachen Patriotismus, nutzte die Gelegenheit, noch einmal zu signalisieren, wem das Land eine solche Anordnung verdankt: ihm. „Ich denke, das ist gut”, sagte er in einem Interview mit dem ihm politisch wohlgesonnenen Fernsehsender Fox News: „Du musst für die Nationalhymne stolz stehen oder gar nicht erst spielen, gar nicht da sein. Du solltest vielleicht gar nicht im Land sein.”

          Der „jüngste Krampf an patriotischem Eifer” und das „bizarre Engagement des Präsidenten”, so die „Washington Post“ in einem Kommentar, übertüncht, dass es bei der Kontroverse um etwas ganz Bestimmtes geht: schwarze Amerikaner öffentlich zur Ordnung zu rufen – „eine schon seit langem praktizierte amerikanische Obsession”. Tatsächlich liegt der Anteil der schwarzen NFL-Profis inzwischen bei über zwei Dritteln. Sie werden als gesichtslose Gladiatoren geduldet, die man unter Helm und Gesichtsschutz meistens kaum erkennen kann. Dass sie als Staatsbürger mit eigenen politischen Ansichten aufwarten, ist in der imagebewussten Kultur des kommerziellen Sports nicht vorgesehen. Tatsächlich sanken zuletzt die Einschaltquoten der NFL auffällig. Wenn es auch über die Gründe keine stichhaltigen Informationen gibt.

          Dass schwarze Spieler dabei das Risiko eingehen, auch wirtschaftlich bestraft zu werden, lässt sich am Beispiel von Kaepernick gut nachvollziehen. Weshalb er im Oktober eine Schiedsgerichtsklage einreichte, die belegen soll, dass Klubmanager querbeet eine Absprache getroffen haben, ihm keinen Vertrag anzubieten. Der Quarterback verzichtete dabei bewusst auf die Unterstützung der Spielergewerkschaft, die im Laufe ihrer Geschichte immer wieder demonstriert hat, dass sie keine besonders wirkungsvolle Interessenvertretung der Profis ist. Bei den letzten Manteltarifvertragsverhandlungen ließ sie sich durch Aussperrungsdrohungen ausmanövrieren und akzeptierte eine Gehaltsreduzierung. Ihr Widerstand gegen allmächtige Disziplinarmaßnahmen des Liga-Chefs erweist sich als zahnlos. Und ihr Engagement im Schadenersatzprozess ehemaliger Spieler, die zu tausenden unter gesundheitlichen Langzeitschäden wie der unheilbaren Gehirnerkrankung CTE leiden, wirkte desinteressiert.

          Kaepernick, der sich seit der erzwungenen Arbeitslosigkeit mit öffentlichen Auftritten und Stellungnahmen zurückhält, hat sich bislang nicht zu der jüngsten Entwicklung geäußert. Seine Haltung hatte er bereits vor längerem klar gemacht: „Es passieren viele Dinge, die ungerecht sind und für die Menschen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Das muss sich ändern. Das ist etwas, wofür dieses Land steht – für Freiheit und Gerechtigkeit für alle. Aber das gibt es im Moment nicht für alle.”

          Nicht mal für relativ bekannte schwarze Sportler. So veröffentlichte die Polizei in Milwaukee ausgerechnet am Mittwoch die Videoaufzeichnung einer Verhaftung aus dem Januar, bei der NBA-Profi Sterling Brown zu Boden gerissen und mit einer Elektroschockpistole traktiert wurde. Beteiligt waren zahllose Ordnungshüter. Der Auslöser: Der Basketballer hatte nachts auf dem leeren Parkplatz einer Drogerie seinen Wagen nicht ordnungsgemäß abgestellt. Der Fall erinnerte an die Behandlung des dunkelhäutigen Schweizer Basketballprofis Thabo Sefolosha in New York 2015, der bei einer Verhaftung mit einem Schlagstock verletzt wurde. Er gewann den Strafprozess, der ihm Widerstand gegen die Staatsgewalt vorwarf, und eine Wiedergutmachungssumme von vier Millionen Dollar.

          Dass Polizisten in den Vereinigten Staaten tagtäglich mit einer Taktik aus Einschüchterung und körperlicher Gewalt bis hin zum tödlichen Einsatz ihrer Pistolen vorgehen, führt nur selten zu Strafmaßnahmen. „Der gemeinsame Nenner in all diesen Situation”, sagte der NBA-Profi auf Twitter, „ist der Rassismus gegen Minderheiten, der Missbrauch von Macht und, dass Polizisten nicht zur Rechenschaft gezogen werden. So was ist ein Schlag ins Gesicht der betroffenen Familien.” Wenigstens die Milwaukee Bucks, bei denen Brown unter Vertrag steht, zeigten deutlich Flagge: „Die Behandlung und Einschüchterung, die Sterling seitens der Polizei von Milwaukee erlebt hat, war schamlos und unentschuldbar.“ Der Klub will seinen Spieler unterstützen, sollte er sich dafür entscheiden und die Männer in Uniform verklagen.

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