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Neues Spitzensportkonzept : Goldesel – streck dich!

Ab in die Tiefe: Mit der Reform werden Sportarten wie Synchronschwimmen die Auftriebshilfe vom Bund verlieren Bild: dpa

Das neue Spitzensportkonzept von Staat und Sport soll Deutschland mehr Medaillen bescheren. Aber die neue Struktur erinnert eher an Großmachtträume zu DDR-Zeiten als an eine Antwort auf die Krise des Leistungssports. Wo sind die Werte geblieben?

          Gold, Gold, Gold, nichts als Gold – diesen Traum vom totalen Triumph hegte Manfred Ewald vor den Olympischen Spielen von Los Angeles. Der Anführer des DDR-Sports glaubte im Frühjahr 1984 kurz, den Boykott der Sommerspiele von Los Angeles verhindern zu können, falls er Staat und Partei ein Dorado von Medaillen verspräche. Warum fernbleiben, war seine Idee, wenn die Besten der Besten der Sportnation DDR den Klassenfeind in Amerika mit vierzig Starts und vierzig Olympiasiegen beschämen könnten? Marita Koch, Kristin Otto und Birgit Fischer hätte er aufbieten können, Marlies Göhr, Udo Beyer und Lutz Heßlich, alle scheinbar sichere Sieger. Ewalds Vorstellung verfing nicht, auf Anordnung der Sowjetunion verweigerte der Ostblock und mit ihm die DDR die Olympiateilnahme in Kalifornien.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Das Konzept zur Organisation des Spitzensports in Deutschland erinnert an Großmachtträume von damals. Nichts anderes zählt als Medaillen. Unter Verzicht auf eine gründliche Analyse ihrer Stärken und ihrer Schwächen haben die Sportverbände und der Staat vor anderthalb Jahren angefangen, den olympischen Sport neu abzustecken. „Ich höre nur Gold, Silber und Bronze“, sagt Arne Gabius, der beste deutsche Marathonläufer. „Aber die DDR gibt es doch gar nicht mehr!“ Er hat, mit 35 Jahren in einer Disziplin, die von Läufern aus Ostafrika dominiert wird, nach den kommenden Maßstäben nicht die geringste Siegesperspektive und deshalb auch keinerlei Aussicht auf Förderung. Planwirtschaft erkennt der Berliner Gerd Janetzky, früher Veranstalter des Leichtathletik-Sportfestes Istaf und heute unter anderem Vorsitzender der Olympischen Gesellschaft Berlin, im neuen Konzept.

          „Illusion der mathematischen Gleichung“

          Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, nennt die jüngste Formel „die Illusion, dass Leistungssportförderung mit einer mathematischen Gleichung zu betreiben ist“. Er warne davor, Athleten dafür zu bestrafen, dass sie gegen Sportler verlieren, die nicht ordentlichen Doping-Kontrollen unterworfen sind. Bundesinnenminister Thomas de Maizière bietet dazu nur eine Antwort: Der Staat könne sich, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“, aus Sportarten, die strukturell dopingverseucht seien, zurückziehen. Er habe Zweifel, dass sie mit Steuergeld gefördert werden sollten.

          Eine straffere Führung, mehr Medaillen, weniger Stützpunkte: Max Hartung, Säbelfechter, Olympiateilnehmer und Athletensprecher, vermisst das Wichtigste in den Dokumenten von Innenministerium und vom Deutschem Olympischen Sportbund (DOSB. „In dem Konzept ist allein von Effizienzsteigerung die Rede“, sagt er. „Von den Werten des Sports und der Begeisterung für den Sport habe ich nichts gefunden.“

          Denkt, das DDR-System sei überwunden: Arne Gabius

          Man braucht keine besonders feine Nase, um zu erkennen, dass die neue deutsche Sportordnung viel aus dem Land der Zweitakt-Autos und der Braunkohle-Heizungen hat. So stark war der DDR-Sport, auch durch systematisches Doping, dass sein Team bei den Sommerspielen von Seoul 1988 das der Vereinigten Staaten mit 37 Olympiasiegen und 102 Medaillen übertraf. So groß war das Potential des DDR-Sports über die DDR hinaus, dass im Jahr drei der Einheit, bei den Sommerspielen von Barcelona 1992, die deutsche Olympiamannschaft auf nur vier Olympiasiege weniger kam (33/82). Aus dem Stolz von damals ist in 24 Jahren Grund zu der Klage geworden, dass es so nicht weitergeht. Das Signal, vom Lamento überzugehen zur Tat, gab de Maizière vor anderthalb Jahren im Interview mit der F.A.Z. „Wir gehören in die Spitzengruppe der Nationenwertung“, forderte er. „Wir müssten eigentlich nach der Tradition in beiden deutschen Staaten und nach unserer Wirtschaftskraft, mit der wir den Spitzensport fördern, mindestens ein Drittel mehr Medaillen bekommen, vielleicht mehr.“

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