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Leichtathletik : Verratene Betrüger, verzweifelte Opfer

Die nächste Überführte: Gamze Bulut Bild: dpa

Auf dem Weg der Besserung? Mitnichten. Die Nachrichten aus der Leichtathletik werden immer furchterregender, die Hilferufe drastischer.

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          Nachrichten aus dem Innern des Sports: „Kurz und bündig einfach nurmehr zum Kotzen“ findet die Regensburger Läuferin Corinna Harrer die jüngste Meldung, dass nun auch die Türkin Gamze Bulut des Dopings überführt worden ist - die sechste von zwölf Läuferinnen, die im Endlauf über 1500 Meter der Olympischen Spiele von London 2012 das Ziel erreichten. Bulut war als Zweite ins Ziel gekommen, hinter ihrer inzwischen für acht Jahre gesperrten Mannschaftskameradin Asli Çakir Alptekin.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als hätten die Hüter der Regeln, der Ringe und des schönen Scheins geahnt, was kommen würde, haben sie die Goldmedaille nicht neu vergeben - so wie sie das Hundert-Meter-Finale der Frauen von Sydney 2000, in dem die amerikanische Doperin Marion Jones vor der griechischen Doperin Ekaterini Thanou ins Ziel kam, für immer ohne Olympiasiegerin lassen. So wie die Tour de France von 1999 bis 2005 keinen Gewinner führt, seit Lance Armstrong stürzte.

          „Ich fühle mich beschissen und verarscht“, schreibt Corinna Harrer auf Facebook, „und keinen interessiert es, dass man Momente nicht mehr nachholen kann!“ Sie war in London als Siebte ihres Halbfinales ausgeschieden - hinter Alptekin und der inzwischen ebenfalls des Dopings überführten Russin Jekaterina Kostezkaja.

          Fast vier Jahre danach hat Corinna Harrer, theoretisch, den Endlauf von London erreicht. Gamze Bulut, die zu Olympia und zur EM Sekunden schneller war als je zuvor und je danach, sind Unregelmäßigkeiten in ihren Blutwerten zum Verhängnis geworden. Das berichtet die einst regierungskritische Zeitung „Zaman“, die am Wochenende von der türkischen Regierung übernommen wurde.

          Eine unsaubere Leistung nach der anderen

          Wie gehen Athleten damit um, dass eine unsaubere Leistung nach der anderen sich in Streichposten verwandelt? Die Frankfurterin Diana Sujew, ebenfalls über 1500 Meter unterwegs, rutschte in der vergangenen Woche auf Platz drei der EM von 2012 - da wurde die Ukrainerin Anna Mischtschenko nachträglich suspendiert. Sie wünsche sich, sagte Diana Sujew, die Bronzemedaille in würdigem Rahmen zu bekommen und nicht vom Paketdienst.

          Der Sportminister ist gefordert: Witali Mutko kämpft um die Zulassung der russischen Leichtathleten für Olympia in Rio.

          Weitere Nachrichten von inside: „Große Verantwortung bleibt bei Abeba Aregawi, aber mit einem großen Teil der Schuld müssen (der Klub) Hammarby, der Schwedische Leichtathletikverband und das schwedische Olympische Komitee belastet werden“, schreibt der frühere Cheftrainer des Vereins, Per Synnermann, über den jüngsten Doping-Fall in Schweden.

          Die aus Äthiopien stammende und in Addis Abeba lebende Abeba Aregawi gewann, seit sie Ende 2012 die schwedische Staatsbürgerschaft erwarb, über 1500 Meter sowohl die WMvon Moskau 2013, die Hallen-EM von Göteborg 2013 und die Hallen-WM von Sopot 2014. Nun wurde ihr - vorbehaltlich der B-Probe - Meldonium im Körper nachgewiesen; das Herzmittel aus Lettland erlebt eine Konjunktur, die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erklärte es zum 1. Januar zum Doping-Mittel.

          „Nicht selbst gekauft und nicht selbst angewendet“

          Verein, Verband und Olympiern wirft Synnermann im „Aftenbladet“ vor, sie hätten Werte und Regeln des Sports missachtet. „Sie hat nicht selbst ihre Staatsbürgerschaft erworben, sie hat nicht selbst ihre Steuererklärung gemacht“, schreibt Synnermann und fährt fort: „Sie hat die Doping-Substanzen nicht selbst gekauft und nicht selbst angewendet.“

          Abeba Aregawi wurde – vorbehaltlich der B-Probe – Meldonium im Körper nachgewiesen.

          Während die Karriere der Läuferin wohl zu Ende sei, machten Agenten und Trainer, Verbände und Organisationen weiter. Abeba Aregawi war, noch im Trikot Äthiopiens, Fünfte des Olympia-Finales, um das Corinna Harrer betrogen wurde. Neben den beiden Türkinnen auf den Plätzen eins und zwei wurden auch die Vierte, die Russin Tatjana Tomaschowa, die Siebte, Natalia Kareiwa aus Weißrussland, und die Neunte, Ekaterina Kostetskaja aus Russland, disqualifiziert.

          In Abeba Aregawis erster Heimat Äthiopien sollen neun Doping-Fälle anhängig sein. Am Wochenende wurde der Name von Tsegaye Mekonnen publik. Der Läufer, Jahrgang 1995, gewann den Dubai-Marathon 2014 in der phänomenalen Zeit von 2:04:32 Stunden. Der Sieger des Tokio-Marathons, Endeshaw Negesse, wurde vergangene Woche überführt. Steroide, Aufputschmittel, Diuretika und andere Mittel seien nachgewiesen worden, klagte der Verbandsarzt - „eine furchterregende Entwicklung“.

          Mutko und Schljachtin kämpfen um Zulassung

          Der Vorwurf der ARD, dass der Neubeginn der russischen Leichtathletik gar keiner sei, sondern dass alte Trainer, alte Kontrolleure und neue Doping-Dealer am Werke seien, kommt den Russen ungelegen. „Wir werden nicht zulassen, dass Einzelne einen Schatten auf die russische Leichtathletik werfen“, droht der neue Verbandspräsident Dmitri Schljachtin. Er und Sportminister Witali Mutko kämpfen um deren Zulassung für die Olympischen Spiele in Rio.

          Nicht in der gesamten russischen Leichtathletik gebe es Probleme, aber in einigen Disziplinen, sagte Mutko laut dpa. „Man kann aber nicht sagen, dass der Staat für jeden Regelverstoß einer Einzelperson verantwortlich ist.“ Für DLV-Präsident Clemens Prokop wäre Olympia-Start russischer Leichtathleten indessen „eine große Überraschung“, wie er am Dienstag den Zeitungen der Mediengruppe Funke sagte. Am Freitag lässt sich das Council der IAAF berichten, wie weit die Russen auf dem Weg der Besserung gekommen sind.

          Nicht weit genug, findet der Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Thomas Kurschilgen. Er fordert für die IAAF und das System Spitzensport Leichtathletik einen Neuanfang statt Symbolpolitik. Er zitiert aus dem Innern des Sports. Als ehrlicher Sportler müsse man immer mehr am System und an den vielen unehrlichen, betrügerischen und korrupten Akteuren zweifeln.

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