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Nada-Kommentar : Moral auf Sparflamme

  • -Aktualisiert am

Es hakt an allen Ecken und Enden: Der Tisch war nicht rund, die Beteiligung der Unternehmen bleibt lächerlich Bild: dapd

Es gibt kein echtes Interesse, den Anti-Doping-Kampf angemessen zu unterstützen. Das ist das Ergebnis des Runden Tisches in Berlin. Der Spitzensport überlebt gut damit, doch die Nada verkommt zum Erfüllungsgehilfen.

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          Die Sportler werden im Stich gelassen. Zumindest die sauberen, die Doping ablehnen. Es gibt sie, ganz sicher. Ihre Gruppe wird schrumpfen, solange in Deutschland an allen Ecken nach Sauberkeit geschrien, aber nicht entsprechend gehandelt wird. Das hat man am Dienstag nach dem runden Tisch in Berlin wieder erkennen müssen. In der Doping-Frage könnte der gesellschaftliche Konsens zwar kaum größer sein: Sport, Politik, Wirtschaft, alle verteufeln sie die Manipulation, sprechen vom schleichenden Tod des Sports und wetteifern um die härteste Verurteilung dieser Geißel. Aber der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), einer sich gut entwickelnden Fahndungsinstitution, wird peu à peu das Wasser abgedreht. Dabei ist die Nada schon unterfinanziert.

          Nach dem Offenbarungseid von Berlin machen die Protagonisten in Zweckoptimismus. Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig. Denn sie wissen, dass sich wohl nichts ändern wird. Eine Dekade schon trommeln Unverdrossene für eine starke, unabhängige Kontrollinstanz. Und zehn Jahre lang haben sie feststellen müssen, dass es trotz aller Bekenntnisse kein echtes Interesse gibt, den Anti-Doping-Kampf angemessen zu unterstützen. Der Sport behauptet nur teilweise zurecht, er habe kein Geld. Die Länder fühlen sich nicht zuständig. Der Bund fährt einen Sparkurs. Und die mächtige Industrie winkt von wenigen Beispielen abgesehen ab: Werbung mit Urinsammlern und Blutanalysten ist nicht sexy.

          Nur so ist die lächerliche Beteiligung der Unternehmen an der Nada zu erklären. Das Geschäft mit der um Sauberkeit bemühten Agentur scheint nicht viel wert zu sein. Unternehmen stecken lieber Abermillionen in Werbekonzepte mit Sportlern, deren Haltung man sich nie sicher sein kann. Selbst die Enttarnungen von namhaften Dopern haben an diesem Prinzip nichts Wesentliches geändert. Zwar sind die Kontrollsysteme in den vergangenen vierzig Jahren der Manipulationskultur immer wieder verschärft worden, aber das war nur eine Anpassung. Beim grundsätzlichen Abstand zwischen Jägern und Gejagten ist es geblieben.

          In diesem Spiel hat der Spitzensport bislang gut überlebt, wie ungebrochene Heldenverehrung und hohe Einschaltquoten belegen. Was aber, wenn eine voll ausgerüstete Nada ein Ausmaß der Doping-Mentalität in Deutschland aufdecken würde, wie es der Fall Erfurt andeutet? 30 Athleten rund um den Olympiastützpunkt stehen unter Verdacht, sich mit einer im Sport nicht erlaubten Methode behandeln lassen zu haben. Eine bestens versorgte Antidoping-Einrichtung könnte alte Machtstrukturen aufbrechen und gefährden. Daran scheinen nicht alle Kräfte der Gesellschaft interessiert. Angenehmer ist eine Nada auf Sparflamme, die nur ab und zu einen Doping-Fall liefert, ein ertragbares Maß Ertappter, das den Wert des Weltrekordhalters noch steigert. Weil er um so sauberer erscheint. So aber verkommt eine Nada zum Erfüllungsgehilfen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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