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Nada : Kalte Schulter für die Doping-Fahnder

Ohne Ergebnis: Innenminister Friedrich hatte zum Runden Tisch geladen Bild: dapd

Deutschlands Nationaler Antidoping-Agentur drohen im nächsten Jahr Entlassungen und eine Kontrollreduzierung. Mehr als gute Absichten sind bei einem Runden Tisch mit Innenminister Friedrich in Berlin nicht herausgekommen.

          3 Min.

          Wenn Innenminister Hans-Peter Friedrich sich an seinem Runden Tisch zur Rettung der Nationalen Antidopingagentur (Nada) am Dienstag in Berlin einsam fühlte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Er sei optimistisch, behauptete er und strahlte in die Kameras, denn die Länder und die Sponsorenvereinigung S 20, besetzt mit namhaften Unternehmen wie Siemens und Coca-Cola, seien bereit, das Thema zu diskutieren.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Er muss ein bescheidener Mensch sein, der Bayer Friedrich, dass er sich mit solch vager Aussicht zufrieden gibt - oder ein erfahrener Politiker, der in aussichtsloser Lage versucht, sein Gesicht zu wahren. Der Vorsitzende der Sponsorenvereinigung, Stephan Althoff, war jedenfalls gar nicht erst nach Berlin gekommen, als es darum ging, eine Lücke von 1,3 Millionen Euro zu füllen. Was hätte er auch beitragen sollen, da sich sein Unternehmen, die Deutsche Telekom, ebenso wie der Brausehersteller Bionade und die Deutsche Bank, aus der Förderung der Nada zurückgezogen, hat? Die Vorsitzende der Sportministerkonferenz, Heike Taubert aus Thüringen, zeigte Friedrich die kalte Schulter. Ihre Ressortkollegen würden sich bei Gelegenheit mit der Frage beschäftigen, Ergebnisse seien im Herbst zu erwarten.

          Der Einschätzung, dass die Tafelrunde im Innenministerium ein Schlag ins Wasser war, kam noch die Oppositionspolitikerin und Vorsitzende des Sportausschusses, Dagmar Freitag, am nächsten. Ein verheerendes Signal gehe von der Sitzung aus, sagte sie und verhehlte ihre Enttäuschung nicht: „Das Stakeholder-Modell ist gescheitert.“

          „Das Stakeholder-Modell ist gescheitert“

          Als gesellschaftliche Aufgabe hatten vor zehn Jahren Staat, Wirtschaft und Sport die Doping-Bekämpfung begriffen und als Anteilseigner des Sports gemeinsam eine unabhängige Stiftung gegründet. Deren Vermögen beträgt heute kaum mehr als 13 Millionen Euro, elf Millionen hat der Bund beigesteuert. Mehr als zehn Mal so viel Kapital braucht die Stiftung, wollte sie ihre Arbeit aus dem Zinsertrag bestreiten. So wie es ist, erhält sie nicht einmal eine halbe Million Euro, gut sieben Prozent ihres Etats von 6,6 Millionen Euro, aus ihrem Vermögen.

          Adidas und die Bundesvereinigung der Apothekerverbände, die letzten Shareholder aus der Wirtschaft, helfen mit zusammen 300.000 Euro aus. Was die Sportverbände durch die Erstattung der Kontrollkosten (1,3 Millionen) und durch direkte Zuwendung beisteuern, insgesamt fast 1,9 Millionen Euro, stammt überwiegend aus der staatlichen Spitzensportförderung. Kein Wunder, dass es Friedrich zu viel wurde, das Budget auch noch mit der direkten Zahlung von mehr als drei Millionen Euro (einschließlich der Analytik in Köln und Kreischa) aufzufüllen. Und kein Wunder, dass er sich anhaltend darüber ärgert, dass die Länder auf ihr Engagement in der Prävention verweisen und nicht mehr als 14000 Euro beitragen - „sporadisch“, wie Heike Taubert einschränkte. Das entspricht 850 Euro pro Bundesland im Jahr.

          Jovialer Gruß

          Theoretisch sollten Bund und Länder, Sport und Wirtschaft je eineinhalb Millionen Euro beisteuern. Weil er aber nicht derart entlastet wurde, will Friedrich immerhin die sogenannte Anschubfinanzierung von einer Million Euro im elften Jahr seit der Gründung der Nada einstellen. Doch damit reißt er eine klaffende Lücke in einen Etat, der ohnehin nur für das Nötigste reicht. Den bevorstehenden Umzug der Nada mit ihren vierzig Beschäftigten aus einer hübschen, aber unzweckmäßigen Villa in angemessene Räume geht auf Rechnung der Stadt Bonn. Wie aber die wachsenden Aufgaben der Nada bei Wettkampfkontrollen und beim Ergebnismanagement bis hin zu gerichtlichen Auseinandersetzungen mit unabsehbaren Risiken finanziert werden sollen, sprach beim Ministers niemand an.

          Der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper, verabschiedete sich trotzdem mit dem jovialen Gruß aus Berlin, dies sei eine gute Initiative, er habe gern teilgenommen. Klaus Riegert, der sportpolitische Sprecher der Unions- und damit Regierungsfraktion, verkniff sich in der uninspirierten Runde den Hinweis, dass er die Länder gern mit einer konditionierten Zusage unter Druck setzen würde: der Bund leistet seinen Beitrag unter der Bedingung, dass auch die Partner zahlen. Riegert hatte vermutlich realisiert, dass die Länder so sehr auf ihre Zuständigkeit, besser: Nichtzuständigkeit pochen, dass sie sich darauf nicht einlassen würden.

          Auch die Vorstandsvorsitzende der Nada, Andrea Gotzmann, verzichtete darauf, Alarm zu schlagen, obwohl nach derzeitigem Stand Entlassungen beim Personal und die Einschränkung von DopingKontrollen drohen. Sie sei stolz auf das klare Bekenntnis aller Beteiligten zur Nada. Sie sei zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden werde. Vielleicht ist die promovierte Biologin eine gute Politikerin.

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