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Nach Nazi-Vergleich : Keller verliert Rückhalt

Entzweit: Fritz Keller (rechts) und Rainer Koch Bild: AFP

Mehrere Landesverbände, führende Funktionäre und die DFL distanzieren sich vom DFB-Präsidenten. Vizepräsident Koch hat dessen Entschuldigung nach dem Nazi-Vergleich bislang nicht angenommen.

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          Im Laufe des Dienstags wurde erkennbar, dass führenden Funktionären aus verschiedenen Organisationen und Regionen die Entschuldigung kaum genügt, mit der DFB-Präsident Fritz Keller noch am Vortag glaubte, den jüngsten Eklat um seine Äußerung im Präsidium des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) beenden zu können. Dort hatte Keller am vergangenen Freitag den DFB-Vizepräsidenten und Richter Rainer Koch namentlich mit dem Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, verglichen. Der Richter hatte den Volksgerichtshof in eine Terrorinstitution der Nazis verwandelt und 2600 Todesurteile verhängt, unter anderem gegen Mitglieder des Widerstands. Als Teilnehmer der Wannseekonferenz gehörte er zum Kreis der Verantwortlichen für die Organisation des Holocausts.

          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.

          Am Dienstag rügte zunächst das Präsidium des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV), den Koch als Präsident führt, die Entgleisung von Keller scharf. „Die Mitglieder des BFV sind entsetzt über die von Fritz Keller ausgelöste neuerliche Eskalation innerhalb des DFB“, hieß es in einer BFV-Erklärung nach einer Videokonferenz, an der Koch nicht teilgenommen haben soll. „Fritz Keller ist auch mit der Unterstützung aller Delegierten des Bayerischen Fußball-Verbandes (...) als DFB-Präsident angetreten, um den Verband (...) unbefangen in ruhigere Fahrwasser zu führen“, hieß es weiter. „Mit einem derartigen Verhalten, das jedwede Grenzen überschreitet und nicht zu tolerieren ist, wird er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht, im Gegenteil: Fritz Keller disqualifiziert sich, er vertieft so weiter die Gräben.“

          Damit war ein erster Ton unter den Landesverbänden gesetzt. Es folgte eine Erklärung des Präsidiums des Süddeutschen Fußball-Verbandes, dessen Präsident Koch ebenfalls ist, und dem auch DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann angehört. Man habe mit „Entsetzen und völligem Unverständnis“ die Worte von Keller zur Kenntnis genommen, hieß es von dort.

          Kellers Position als DFB-Präsident war schon zuvor durch eine Äußerung von Dagmar Freitag (SPD), der Vorsitzenden des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, geschwächt worden, die Kellers Vergleich als „unentschuldbar“ bezeichnet hatte. Am späten Nachmittag folgte dann auch eine Erklärung der Deutschen Fußball Liga (DFL), die im monatelangen Machtkampf zwischen Keller und DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius unverbrüchlich an der Seite Kellers gestanden hatte, in der nun auch die Vertreter des Profifußballs auf Distanz gingen. „Wir distanzieren uns deutlich und in aller Form von der Äußerung und der Wortwahl (...). Eine solche Äußerung ist absolut inakzeptabel“, hieß es in einer gemeinsamen Stellungnahme der DFL-Vertreter im DFB-Präsidium. Keller, der einen Rücktritt am Montag abgelehnt hatte, könnte damit seinen entscheidenden Rückhalt im deutschen Fußball verloren haben. Auch Curtius und DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge distanzierten sich.

          Keller hatte Koch zunächst um Entschuldigung für seine Äußerung gebeten, musste am Dienstag aber einräumen, dass der Vizepräsident diese Bitte entgegen seiner Darstellung vom Montag nicht angenommen hatte. Er habe „einen schwerwiegenden Fehler begangen“, erklärte Keller daraufhin am Dienstag. „Ich ging davon aus, dass er meine Entschuldigung, um die ich ihn schriftlich und am Telefon gebeten habe, umgehend annehmen würde. Diese Einschätzung war, wie aus seiner gestrigen schriftlichen Antwort an mich hervorging, falsch.“

          Koch teilte mit, die Entschuldigung „bislang nicht angenommen“ zu haben, weil er „den gesamten Vorgang mit zeitlichem Abstand zunächst in einem persönlichen Gespräch mit Fritz Keller aufarbeiten“ wolle. Nach Informationen der F.A.Z. will der DFB-Vizepräsident erst nach einem Treffen mit Keller am Wochenende bei einer Tagung der 21 Landesverbände in Potsdam entscheiden, ob er dessen Entschuldigung akzeptiert.

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