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Neues Spitzensportkonzept : Das große Feilschen

  • -Aktualisiert am

Welche Sportler in Zukunft wie trainieren können, hängt von der Verteilung der künftigen Gelder ab Bild: dpa

Hinter dem neuen Spitzensportkonzept stehen 98 Prozent Ja-Sager. Sie hoffen auf 55 Millionen Euro mehr pro Jahr. Jeder will viel bekommen – und möglichst wenig zahlen.

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          Fast niemand wollte über Geld reden. Nicht weil es den Herren, die das Sagen haben im Sport, zu unfein war, während und nach der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Samstag in Magdeburg. Nein, die Vermeidung konkreter Angaben zu dem, was der Steuerzahler in Zukunft zusätzlich für mehr Goldmedaillen zu zahlen habe, soll einen ganz pragmatischen Grund haben: Die Zeit ist noch nicht reif. Das sagte zumindest DOSB-Präsident Alfons Hörmann immer wieder, Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach in einer Videobotschaft „nur“ von seinem Einsatz für eine „substantielle“ Erhöhung.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Und sein Vertreter in Magdeburg, Staatssekretär Hans-Georg Engelke, belehrte die Delegierten über die guten Gepflogenheiten in einer Demokratie mit dem Tenor: Das Parlament entscheidet! Es gibt schließlich eine Art Abmachung zwischen dem DOSB und dem Bundesinnenministerium als Geldverteiler im Namen des Volkes: Erst muss das von beiden gemeinsam entwickelte Spitzensportkonzept komplett vorliegen, dann kann über seine Finanzierung en detail verhandelt werden. Zug um Zug sozusagen.

          Mehr oder weniger ohne Widerrede

          Trotzdem stand das liebe Geld den ganzen Tag im Raum. Es gab den Ausschlag über den Verlauf einer der wichtigsten Mitgliederversammlungen seit Gründung des DOSB. Schließlich entschieden die Sportverbände über das Schicksal des Spitzensports im Lande. Und zwar mehr oder weniger ohne Widerrede und so fix, dass der Vorstandsvorsitzende Michael Vesper als Mann der ersten DOSB-Stunde von der „schnellsten“ Mitgliederversammlung sprach. 433 Delegierte votierten für das neue Konzept, nur einer stimmte dagegen, fünf enthielten sich. Obwohl es die alte Fördersystematik auf den Kopf stellt, weil in Zukunft nicht mehr frischer Lorbeer zählt, sondern die Perspektive von Sportlern und Verbänden, ihre Chancen auf Goldmedaillen vor allem bei Olympischen Spielen in den jeweils kommenden acht Jahren.

          Es gab eine überwältigende Mehrheit für das Projekt von DOSB-Chef Hörmann, obwohl der Bund als ersten Schritt der Bewertung eine umstrittene Potential-Analyse der Geldempfänger auf der Basis einer Computer-Berechnung nach Eingabe von fast sechzig Kriterien durchsetzte. Es gab gut 98 Prozent Ja-Sager in Magdeburg, obwohl es hier und dort massive Kürzungen, Zusammenlegungen und Streichungen geben wird. Wie steht beispielsweise ein deutscher Gewichtheber da, von dem Sportführung und Politik absolute Sauberkeit verlangen, der aber in seinem Sport ohne Stoff offenbar nicht mal Fünfter werden kann? Ziemlich dumm, weil künftig laut Plan halbwegs mittellos.

          Ein großer Schluck: DOSB-Präsident Hörmann am Samstag in Magdeburg

          Dem Votum von Magdeburg liegt sicher nicht allein die Geldfrage zu Grunde. Es gibt keinen Zweifel an dem Versickern von Steuergeldern in teils überalterten Strukturen des Spitzensports. Dennoch erkaufte sich die DOSB-Führung ihren Erfolg am Samstag mit der Zusage an die Verbände, dass an den Details des Konzeptes nach der Abstimmung noch gefeilt werden kann. Unterstützt wurde Hörmann von seinem Partner aus der Regierung. de Maizière machte seine Bereitschaft, für mehr Geld zu kämpfen, von einem positiven Votum abhängig. Den Delegierten blieb nichts anderes übrig. Geld bewegt die Welt.

          An diesem Montag soll nun die eigentliche Arbeit beginnen. Sie wird, abhängig von den tatsächlichen Veränderungen des Konzeptes, zügig zu der Frage führen, was das gesamte Konzept kostet, wie viel Geld der Bund für mehr Gold gibt. Schließlich ist eine Professionalisierung, die unter anderem eine angemessene Bezahlung der Trainer und den Aufbau von hauptamtlichen Leitungen aller Bundesstützpunkte (nach Kürzung etwa 150) umfassen soll, nur mit einer massiven Mittelerhöhung zu bekommen.

          Der DOSB hat, allen taktischen Beteuerungen in Magdeburg zum Trotz, schon gewisse Vorstellungen. Zumindest hat er seine Verbände befragt. Allein der Deutsche Leichtathletik-Verband kommt demnach auf acht Millionen Euro zusätzlichen Bedarf unter den 32 olympischen Verbänden. Alles in allem ist dem Bundes-Innenministerium diese Summe übermittelt worden: 55 Millionen Euro mehr pro Jahr. Bislang gibt es im Schnitt etwa 160.

          55 Millionen? Sie sind kein Hirngespinst, aber auch nur eine Wunschvorstellung, die aber gar nicht so weit entfernt ist von einer Kalkulation nach den Sommerspielen 2012 in London. Damals hatte sich der DOSB, längst bewusst über die Stärkung der Konkurrenz in den Arenen, einen Zuschlag von 38 Millionen pro Jahr ausgerechnet und gewarnt: Sonst verlieren wir „den Anschluss“, fallen aus der Spitze im Ranking der Olympischen Spiele. Das soll er nicht, im Gegenteil. de Maizière fordert ein Drittel mehr Medaillen, wird aber kaum ein Drittel mehr Förderung dafür springen lassen. Deshalb war Ole Bischoff, der Vizepräsident für Leistungssport, wohl relativ nah an den Regierungsvorstellungen, als er coram publico von zwanzig Millionen Euro gesprochen hatte. „Es kann auch ein bisschen mehr sein.“ Nachher, während der Pressekonferenz, wollte der Judo-Olympiasieger diese Äußerung allerdings nicht mehr als „konkrete Zahl“ verstanden wissen. Das war Sekunden nach dem dahin gezischten Hinweis von Hörmann an seiner Seite. Ein Kameramann hatte die Anweisung über Mikrofon aufgeschnappt, nachdem Bischof zum Thema befragt worden: „Keine Zahlen!“

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          Von diesem Montag an soll die harte Phase der Konzeptumsetzung bis 2019 unter dem Vorstand Leistungssport und Vorarbeiter Dirk Schimmelpfennig beginnen. Hörmann prophezeit „Widerstand und Gegenwind“. „Es kommt eine Phase, die nichts mit Schönwettersegeln zu tun hat. Wir werden auf rauher See unterwegs sein.“ Weil jeder viel bekommen und möglichst wenig bezahlen will.

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