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Leichtathletik-Skandal : Mitwisser in Coes Vorzimmer

Die Zweifel werden immer größer: IAAF-Chef Lord Sebastian Coe Bild: AP

Nick Davies, der wichtigste Mitarbeiter des IAAF-Präsidenten, wusste, dass die Sanktionierung von Doping-Fällen in der russischen Leichtathletik verzögert werden sollte. Das belastet Präsident Coe. Davies lässt sein Verbandsamt einstweilen ruhen.

          Die Zweifel wachsen, ob Sebastian Coe der richtige Mann ist, um den Augiasstall Leichtathletik auszumisten. E-Mails aus den Ermittlungsakten der französischen Justiz belegen, dass sein wichtigster Mitarbeiter, Nick Davies, schon vor zweieinhalb Jahren in Pläne eingeweiht war, die Sanktionierung einer Reihe von Doping-Fällen in der russischen Nationalmannschaft zu verzögern. Davies, damals Mediendirektor und stellvertretender Generalsekretär des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF) trat am Dienstag von seinem Posten als Büroleiter von IAAF-Präsident Coe zurück und bat die Ethik-Kommission seines Verbands um Klärung.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Drei Wochen vor den Weltmeisterschaften in Moskau 2013 hatte er eine geheime Pressekampagne angeregt, die verhindern sollte, dass die Titelkämpfe durch Artikel über Doping-Fälle kompromittiert würden. Intern war eine Vielzahl von solchen Fällen im russischen Sport bekannt, aber nicht publiziert worden. Davies schlug vor, die Agentur Chime Sports Marketing (CSM) für die Kampagne zu verpflichten. Deren geschäftsführender Gesellschafter ist Coe. Durch dieses Engagement könne man von dem politischen Einfluss Coes in Großbritannien profitieren, schrieb Davies.

          Davies schickte die Mail, die nun die Zeitung „Le Monde“ veröffentlichte, am 19. Juli 2013 an Papa Massata Diack, den Sohn des damaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack. Gegen Vater und Sohn ermittelt die französische Justiz wegen Korruption und Geldwäsche. Beide sollen mit Komplizen innerhalb und außerhalb der IAAF gegen Zahlung von mehr als einer Million Euro Doping-Fälle unterschlagen haben. „Papa, ich lasse dich wissen, sobald ich eine Preisvorstellung für diese inoffizielle PR-Kampagne habe“, schrieb Davies. „aber ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um die IAAF und den Präsidenten zu schützen.“ Für Coe versprach er: „Es liegt in seinem persönlichen Interesse, sicherzustellen, dass die WM in Moskau ein Erfolg ist und die Leute nicht glauben, dass die Presse seines eigenen Landes versucht, sie zu zerstören. Wir können extrem hart daran arbeiten, jede geplante Attacke der britischen Presse auf Russland in den kommenden Wochen zu stoppen.“

          Davies wollte laut seiner Mail bei der Anti-Doping-Abteilung der IAAF herausfinden, „welche russischen Leichen genau wir noch im Keller haben in Bezug auf Doping“. Nach der WM wurden innerhalb von vier Wochen 16 russische Leichtathleten gesperrt. Davies wusste, dass diese Fälle viel früher hätten öffentlich gemacht werden müssen. Er drang darauf, beim russischen Verband durchzusetzen, dass die betroffenen Athleten nicht bei der WM starten, und regte an, sie nicht alle auf einmal zu sperren.

          Coe will nichts gehört, nichts gesehen haben

          Selbst mit einer anwaltlichen Erklärung, die Davies am Montag abgeben ließ, schützte er Coe nicht wirklich. Es sei lediglich ein Austausch von Ideen gewesen, ließ Davies zwar mitteilen, nichts davon habe er mit CSM diskutiert, keinerlei Zusammenarbeit habe sich ergeben. Doch er teilte auch mit, dass er früh 2014, „als ich auf Information angebliche Korruption betreffend aufmerksam gemacht wurde“, einer von mehreren IAAF-Angestellten gewesen sei, die sich an die Ethik-Kommission der IAAF wandten – eine von Lamine Diack handverlesenen Gruppe, die sich, trotz angeblich emsiger Tätigkeit, bis heute nicht zu dem Fall geäußert hat.

          Von all den Ungereimtheiten in seinem Haus will Coe, der vor seiner Wahl zum Präsidenten im August acht Jahre lang Vizepräsident des Verbandes war, nichts gehört und gesehen haben. In einer Ausschuss-Anhörung des britischen Parlaments vor drei Wochen beharrte er darauf, erst durch die Verhaftung von Diack senior Anfang November darauf aufmerksam geworden zu sein. Nach seiner Wahl in Peking hatte er Diack noch als bleibenden „geistigen Präsidenten“ der IAAF gelobt.







          Die Ermittler fanden auch, was Diack junior zehn Tage nach der Mail von Davies seinem Vater schrieb.







          Spezialauftrag Ehefrau beruhigen

          Demnach fand innerhalb der IAAF „eine Lobbying- und Erklärungsarbeit“ statt, bei welcher der damalige Büroleiter des Präsidenten, Cheik Thiaré, ebenso wie der Leiter der Anti-Doping-Abteilung, Gabriel Dollé, mit jeweils „50K“ und der Anti-Doping-Mitarbeiter Pierre-Yves Garnier mit „10 K“ bedacht worden seien. K stehe für Kilo, tausend, sagte Diack senior in einer seiner Vernehmungen; ob es sich um Euro oder Dollar gehandelt habe, wisse er nicht mehr. Dollé gestand, insgesamt 190 000 Euro in bar erhalten zu haben. Die beiden anderen bestritten gegenüber „Le Monde“, Geld genommen zu haben.

          Nick Davies erhielt laut Papa Massata Diack einen Spezialauftrag. Zusätzlich zum Lobbying der britischen Presse sollte er „Jane Boulter beruhigen“. Jane Boulter-Davies ist in der Anti-Doping-Abteilung der IAAF beschäftigt und die Ehefrau von Nick Davies.

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