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Sport in Japan : Ohrfeigen, Tritte, Essensentzug und Schikane

Schwere Vorwürfe im japanischen Judo: Human Rights Watch prangert an. Bild: AFP

Genau in der Woche, in der eigentlich die Olympischen Spiele hätten beginnen sollen, wird ein erschütternder Bericht veröffentlicht. Human Rights Watch prangert darin Misshandlungen im japanischen Sport an.

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          Der Judo-Lehrer würgte den Jungen zwei Mal und warf ihn auf den Boden, was schwere Gehirnblutungen auslöste. Eine Notoperation rettete den 15-Jährigen, doch er trug bleibende Gehirnschäden davon. Sein „Vergehen“: Er wollte nicht auf die Schule gehen, die ihm sein Judo-Lehrer besonders empfohlen hatte. So schilderte die Mutter des Jungen, Keiko Kobayashi, am Montag in einer Online-Pressekonferenz das Geschehen, das sie noch heute sichtlich belastet. Die Polizei erstattete Anzeige, doch die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein. In einer Judo-Halle sei zwischen regulären Judo-Griffen und einer strafbaren Handlung nicht zu unterscheiden, sagte man der Mutter. Die Schulbehörde und der japanische Judo-Verband sprachen von einem unglücklichen Unfall. Das war im Dezember 2004. Der Lehrer arbeite immer noch und unterrichte weiter Judo, sagt Kobayashi.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Hat die Lage im japanischen Sport sich seither verändert? Die private Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warf dem Land an diesem Montag in einem Bericht vor, dass Kinder und Jugendliche im Sport noch heute oft physisch und verbal misshandelt und manchmal auch sexuell missbraucht würden. Der Bericht kommt in der Woche, in der eigentlich die Olympischen Spiele in Tokio hätten beginnen sollen. Wegen der Pandemie ist das Sportereignis auf den kommenden Sommer verschoben worden.

          Fälle in jüngerer Zeit

          Die Organisation dokumentiere in dem Bericht spezifische Misshandlungen wie Schläge, Ohrfeigen, Tritte, Schläge mit Gegenständen oder erzwungenes, zu viel oder zu wenig Essen und Trinken, sagte Minky Worden, die Direktorin für globale Initiativen von Human Rights Watch. „Japan hat noch ein Jahr Zeit, um die Lage zu ändern und so ein bleibendes Erbe der Olympischen Spiele zu hinterlassen.“ Human Rights Watch beruft sich in dem Bericht auf Dutzende Interviews und eine Internetumfrage mit fast 760 Teilnehmern. Etwa die Hälfte der Befragten war 24 Jahre oder jünger, was bedeutet, dass die von ihm berichteten Missbrauchsfälle in jüngerer Zeit stattfanden.

          Eine aussagefähige Statistik, die das Ausmaß von Misshandlungen und die Entwicklung im Zeitverlauf offenlegen könnte, gibt es nach Aussage der Organisation in Japan nicht. In einer Untersuchung des Nationalen Olympischen Komitees aus dem Jahr 2013 unter 2000 Athleten berichteten 11,5 Prozent von Machtmissbrauch einschließlich körperlicher Misshandlung. In einer Untersuchung aus demselben Jahr berichteten 20,5 Prozent der Befragten 4000 Studenten von körperlicher Misshandlung in Schulmannschaften. Damals gewann Japan die Zusage für die Olympischen Spiele im Jahr 2020 und stand unter dem Eindruck des Selbstmords eines jungen Basketballspielers und des Judo-Skandals, in dem der Trainer Mitglieder des olympischen Frauen-Nationalteams misshandelt hatte. Fünf der größten nationalen Sportorganisationen versprachen, Gewalt und Misshandlungen im Sport auszurotten. Ganz scheint das nicht gelungen zu sein. Die Japanische Sportvereinigung erhielt nach eigenen Angaben in den vergangenen fast sechs Jahren 619 Beschwerden über körperliche Misshandlungen, darunter von fast 400 von Schülern.

          Human Rights Watch dokumentiert in der Studie auch Suizide aus jüngerer Zeit. 2018 brachte sich ein 17 Jahre alter Volleyball-Spieler um. „Volleyball ist das schwerste“, hieß es in seinem Abschiedsbrief. Der Lehrer soll den Schüler oft wegen Spielfehlern vor der Klasse beschimpft haben. Im vergangenen Jahr beging eine 15 Jahre alte Tischtennisspielerin Suizid und begründete das mit körperlichen Misshandlungen durch den Trainer. Selbstmorde von Schülern, die von Mitschülern oder Lehrern schikaniert werden, sind in Japan seit einigen Jahren immer wieder ein Thema.

          Die Menschenrechtsorganisation kritisiert, dass trotz der seit 2013 angestoßenen Reformen Opfer von Misshandlungen im Sport nicht gehört würden und kaum Möglichkeiten hätten, die Verstöße zu melden. Trainer seien nicht hinreichend geschult und hielten an traditionellen Vorstellungen von Härte fest. Das Organisationswirrwarr zwischen den japanischen Sportverbänden trägt nach Ansicht der Autoren der Studie dazu bei, dass es in Japan keine übergreifende Linie zum Schutz der Kinder und Jugendlichen gebe.

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