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Staatsdoping-Kommentar : Das ist erst der Anfang!

  • -Aktualisiert am

Ein Doping-Kontrolleur bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 Bild: AP

Russland wird die Schmach, allein am Doping-Pranger zu stehen, nicht auf sich sitzen lassen. Gut möglich, dass die Wahrheit mit Hilfe von Cyberangriffen ergänzt wird. Angesichts dieses Szenarios muss der Spitzensport reagieren.

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          Auch die Reaktionen in Deutschland auf den Bericht zum russischen Staats-Doping sind sehr erstaunlich. Ausgewiesene Sportexperten, täglich mit dem Spitzensport in Berührung, tun völlig überrascht, sprechen von einem Schock und glauben auch noch, die russische Manipulation der Welt als schlimmsten Betrug in der Geschichte des Sports verkaufen zu müssen. Kein Wunder, dass die Opfer des DDR-Zwangs-Dopings zu Recht behaupten, in Deutschland alleingelassen zu werden vom organisierten deutschen Sport.

          Der kalte Sportkrieg mit seinem folgenschweren Kinder-Doping hat viel mehr schwer leidende ehemalige deutsche Athleten hervorgebracht, als in Russland laut des McLaren-Berichts auf Stoff gesetzt wurden. Ganze Sportler-Generationen waren voll wie tausend Russen, vermutlich 12.000. Jeder Vergleich verbietet sich, bevor wir nicht das ganze Bild gesehen haben. Das ist ein Schwachpunkt in der McLaren-Darstellung, die detailliert bestätigt, was der nun so geschockte, sich so elend fühlende Sportskamerad seit dem Sommer schon weiß.

          Nicht zeternd die Hände zum Zeus erheben

          Er sollte nicht zeternd die Hände zum Zeus erheben, sondern froh sein, zur Abwechslung mal ein Stückchen Wahrheit serviert bekommen zu haben. Und die Antwort auf die Sportfrage des Jahres: Es war absolut richtig, dass der Internationale Leichtathletik-Verband und das Paraolympische Komitee das russische Team von allen Wettbewerben ausschloss. Und es war falsch, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Präsident Thomas Bach Russland mit Team und Fahne die Ehre erwies bei den Sommerspielen in Rio.

          Eine gewisse Betrübnis über die Positionierung des IOC als Freund des Postfaktischen ist verständlich. Aber ernsthafte Doping-Gegner haben allen Grund, zuversichtlich zu sein. Der McLaren-Bericht wird nicht das Ende der Geschichte sein, sondern erst der Anfang. Denn in den Verschwörungstheorien, die nun in Russland formuliert werden, schwingt die ganze Wut derer mit, die sich ungerecht behandelt fühlen. Für ein Doping-Komplott des Westens unter Führung der Amerikaner gegen das größte Land der Welt spricht zwar gar nichts.

          Aber die Russen werden die Schmach, nun allein am Doping-Pranger zu stehen, nicht auf sich sitzen lassen. Allein die vielen negativen Proben im Kreis der West-Sportler sagen schließlich wenig aus über die Sauberkeit, sondern eher etwas über die Qualität des Kontrollsystems. Es bietet Schlupflöcher. Aus Studien geht hervor, dass der Anteil von Dopern unter Spitzensportlern zwischen zehn und 40 Prozent beträgt. In jedem Fall ist er weit höher, als es die positiven Resultate der Kontrollen glauben lassen – rund ein Prozent. Es gibt also noch etwas zu entdecken.

          Die Hacker-Attacken von „Fancy Bear“ auf den Sport haben zuletzt angedeutet, womit zu rechnen ist: Mit Cyberangriffen auf Netzwerke außerhalb Russlands, die Doping geheim halten. Es könnte sein, dass die Wahrheit auf diesem Weg ergänzt wird. Aber vor solchen Pseudo-Aufklärern muss der Spitzensport auf der Hut sein. Angesichts dieses Szenarios sollte er sich endlich bewusst werden, dass ihm nur eine allumfassende Transparenz, unabhängige Kontrolleure und Richter helfen, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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