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Olympische Winterspiele 1936 : Politische Täuschung, versteckt hinter sportlich perfekter Organisation

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Olympische Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen Bild: Getty

Vor 80 Jahren gingen die Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen zu Ende. Ein Historiker hebt nun einige erhebliche Ungenauigkeiten einer Filmdokumentation der ARD hervor.

          Die Olympischen Spiele von 1936 werden von der Geschichtswissenschaft heute als die „Geburtsstunde der modernen Olympischen Spiele“ bezeichnet. Hinsichtlich Organisation, Spektakel und Symbolik hätten die Nachfolgespiele Berlin nicht das Wasser reichen können. Dieses Urteil des englisch-deutschen Autorenpaars Schiller/Young über Berlin 1936 trifft auch für die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen zu. Erstmals standen den Organisatoren die uneingeschränkten Mittel einer auf außenpolitische Anerkennung bedachten Diktatur zur Verfügung. Die Grundlage des propagandistischen Erfolges der Winter- und Sommerspiele bestand in ihrer sportlich einwandfreien Organisation, mit welcher die wahren Ziele der NS-Diktatur verheimlicht werden sollten. So zeigte der am 3. Juli 1936 im Berliner Ufa-Palast am Zoo mit großem Erfolg aufgeführte Film der Winterspiele 1936 eine alpine Winteridylle, ein Garmisch-Partenkirchen mit internationalem Publikum, tollen Wettkämpfen mit innovativen Aufnahmetechniken und vor allem einen Wettkampfort ohne jegliche antisemitischen Schilder.

          Der unter der Oberleitung des Reichsfilmdramaturgen der NSDAP, Hans Weidemann, und im Auftrag des Reichspropagandaministeriums hergestellte Film „Jugend der Welt“ bildet das sportlich dokumentarische Gerüst der erstmals am 11. Januar zu später Abendstunde ausgestrahlten Dokumentation der ARD: „Als Olympia die Unschuld verlor. Die Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen“. Da sie an diesem Donnerstag auf Phoenix und tagesschau24 (21.00 Uhr und 21.02 Uhr) wiederholt wird, hier noch einige kritische Anmerkungen dazu.

          Größere und kleinere Ungenauigkeiten

          Weder im Vor- noch im Abspann wird die Herkunft der Originalaufnahmen benannt, die schon 1980 Gegenstand einer film- und sporthistorischen Publikation des Göttinger Instituts für den wissenschaftlichen Film waren, die der Bonner Sporthistoriker Hajo Bernett verantwortete. Für historische Hintergrundinformationen der ARD-Filmdokumentation sorgen als Zeitzeugen die Kinder von Gastwirten, „Experten“ wie Walther Tröger (mit dem Untertitel: „Freund von Avery Brundage“, also dem amerikanischen Sportpolitiker und späteren fünften Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees), der Skihistoriker Gerd Falkner und der Heimatforscher Alois Schwarzmüller, der schon zur Ski-WM 2011 eine fundierte Ausstellung zu den Winterspielen 1936 zusammengestellt hatte. Mit dem von ihm recherchierten Material zeigt die Dokumentation des Bayerischen Rundfunks, dass fanatische Nationalsozialisten durch eine Flut antisemitischer Schilder, Stürmerkästen und Losungen in und um Garmisch-Partenkirchen herum die Winterspiele gefährdeten.

          Es bedurfte einer Intervention des Chefs des Organisationskomitees, Ritter von Halt, dass aus Berlin die Weisung kam, die Schilder zu entfernen. Da die Filmemacher Golüke und Müller auf gründliche sporthistorische Beratung verzichteten, entging ihnen, dass Hitler persönlich die Entfernung der Schilder anwies und dass es die örtliche SS war, die diesen Befehl ausführen musste. Initiator war allerdings der Chef des Organisationskomitees der Sommerspiele, Carl Diem, der Ritter von Halt zum Eingreifen mahnte, was den Filmemachern entgeht.

          Der Film strotzt vor größeren und kleineren Ungenauigkeiten: Der „Halbjude“ Rudi Ball (im Film als Jude bezeichnet) wird als Eishockeyverteidiger bezeichnet, der aus der Schweiz kam und dort wieder hinging. Er war aber Deutschlands erfolgreichster Stürmer, der aus Mailand nach Garmisch kam und anschließend bis 1944 für den Berliner Schlittschuh Club spielte. Er wurde auch nicht auf Druck der Öffentlichkeit und der Mannschaft nominiert, wie der Film behauptet. Sein Start war Bestandteil der „Alibi-Juden-Strategie“ der Ausrichter, die mit ihm und der Fechterin Helene Mayer (bei den Sommerspielen) demonstrieren wollten, dass – wie dem IOC gegenüber versprochen – auch deutsche Juden in die deutsche Mannschaft aufgenommen würden.

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