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Widersprüche im Fußball : Die guten Kräfte bleiben schwach

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Ronny Blaschke: Machtspieler. Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution. Verlag Die Werkstatt, 19,90 Euro. Bild: Verlag Die Werkstatt

Der Fußball ist mit seinen politischen Verstrickungen voller Widersprüche. Ronny Blaschke hat ihnen in seinem Buch „Machtspieler“ nachgespürt. Gerade bezüglich des Fußballs ergibt sich ein facettenreiches Bild.

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          Im Alltag der medial inszenierten Wettkämpfe wirken die vielen Geschichten über Verstrickungen des Sports mit dem politischen Weltgeschehen wie ein deprimierendes Beiwerk. Sie rauschen vorbei und verblassen rasch hinter den Bildern von Siegern, Verlierern und sportlichen Dramen. Im vergangenen Jahrhundert war das noch etwas anders. Der Anschlag von München 1972, die Olympiaboykotte 1980 und 1984 oder die behandschuhten Fäuste, mit denen die Sprinter Tommie Smith und John Carlos auf dem Siegertreppchen von Mexico City gegen Rassismus protestierten, sind bis heute präsent. Aber wird an das verstörende Zusammenspiel zwischen dem Fußballer Mesut Özil und dem türkischen Despoten Recep Tayyip Erdogan, das 2018 wochenlang die Gemüter erregte, noch in zehn Jahren erinnert werden? Die Welt des Sports und insbesondere die Kontexte des Fußballs sind schließlich voll von solchen Vorgängen. Oft leuchten die Wechselwirkungen zwischen diesem Spiel und seiner gesellschaftspolitischen Umgebung nur kurz auf und verglühen dann schnell im unendlichen Strom der Weltnachrichten.

          Der Journalist Ronny Blaschke hat sich nun an das Projekt gewagt, einige wichtige politische Verbindungen des Sports unter dem Titel „Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution“ zu einem größeren Bild zusammenzufügen. Vieles, was er beschreibt, dürfte an Sporthintergründen interessierten Beobachtern zumindest in groben Zügen vertraut sein: die Rolle des FC Barcelona in den Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens von Spanien, zum Beispiel. Oder die Kraft der Ultra-Bewegungen im Kampf gegen das Regime in der Ukraine, aber auch im Arabischen Frühling. Oder der Versuch von Ländern wie Qatar und Saudi-Arabien, mit gigantischen Investitionen in den Sport an weltpolitischer Relevanz zu gewinnen. Aber die Detailfülle, mit der diese Phänomene ausgeleuchtet werden, ist beachtlich. Und zwar fast immer mehr beschreibend als wertend – manchem werden analytische Passagen fehlen, aber in seiner beobachtenden Haltung liegt auch eine Stärke dieses Fußballbuches.

          In regelmäßigen Abständen wird ja darüber diskutiert, ob die große Bedeutung, die das wahrscheinlich beliebteste Spiel des Planeten unzweifelhaft hat, tatsächlich dazu beiträgt, die Welt besser zu machen. Auf dieser Annahme basiert der Machtanspruch von Organisationen, des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) etwa. Blaschkes Antwort bleibt offen: „Wie kaum ein anderes Instrument stellt Fußball Öffentlichkeit für positive Inhalte her.“ Und in dieser Funktion lässt er sich benutzen, für Menschenrechtler, für Revolutionäre, für Freiheitsbewegungen genauso wie für Diktatoren, Militärs und Verbrecher aller Couleur.

          Diese Eigenschaft des Spiels illustriert Blaschke anhand von Geschichten und Recherchen aus knapp 20 Ländern in Europa, Asien, Afrika und Südamerika. Er erklärt, wie es dem Erdogan-Regime in der Türkei gelang, die Kräfte des Widerstands, die in den Stadien lange vorhanden waren, durch Härte, Überwachung und Repressalien massiv zu schwächen. Er beleuchtet die bislang wenig beachtete Rolle des Fußballs beim Ausbruch des Jugoslawien-Krieges, der bis heute den Alltag in den Stadien prägt. Eine der Thesen lautet, der Prozess der Annäherung auf dem Balkan werde gebremst, weil Differenzen zwischen Ethnien und Religionen in den Kurven weitergelebt werden. Weil mit Choreographien an Kriegsereignisse erinnert werde. Aber nicht nur hier vertieft das Spiel, das in Deutschland so beharrlich für seine integrative Kraft gefeiert wird, Gräben. So dient das Umfeld des FC Barcelona in Spanien als wichtiger Nährboden für die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens. Immer wieder wird sichtbar, dass Fußball Spaltungsprozesse forcieren kann. So spielten Ultras zwar eine wichtige Rolle bei den politischen Umbrüchen in der Ukraine, heute sind diese Gruppen aber eher nationalistisch orientiert. Fast immer und überall zeigen sich in den Fußballkulturen Neigungen zum Männlichkeitskult, zum Patriotismus und zum Machotum.

          Während der Lektüre kann sich die Frage aufdrängen, was eigentlich mit all den guten Kräften ist, die der Fußball angeblich hat? Aber die bleiben in Blaschkes Beschreibungen schwach. Es gibt diese Momente, wenn zerstrittene Nationen, in denen sich Volksgruppen gegenseitig bekämpften, plötzlich zusammen Erfolge eines Nationalteams feiern. Die WM in Russland 2018 habe positive Spuren hinterlassen, weil es Kontakte vieler Russen mit Besuchern gab und Freiräume entstanden, von denen einige die vier Turnierwochen überdauerten. Und seit der Muslim Mohamed Salah ein Superstar beim FC Liverpool ist, sind Attacken und Diskriminierung gegen Muslime in Merseyside, der Heimat des Klubs, einer Studie zufolge um 19 Prozent gesunken. Zugleich konnte Salah sich bei der WM 2018 aufgrund von politischen Verstrickungen seiner Heimat Ägyptens aber nicht gegen ein Treffen mit dem tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow wehren, dem allerlei Verbrechen vorgeworfen werden. Der Fußball ist mit seinen politischen Verstrickungen voller Widersprüche – selten wurde das so facettenreich geschildert wie in diesem Buch.

          Ronny Blaschke: Machtspieler. Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution. 256 Seiten, 2020, Verlag Die Werkstatt, 19,90 Euro.

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