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Leichtathletik muss bluten : Riss im olympischen Sport

Nur ein kleiner Erfolg: Start frei für einen neuen Staffelwettbewerb Bild: dpa

Das IOC nimmt den Leichtathleten ihren Status als größte Kernsportart bei Olympia. Es geht nicht nur um den Sport, sondern auch um Macht und Deutungshoheit zwischen Bach und Coe.

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          Bravo, könnte man aus der Reaktion des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF herauslesen, dass ihr mit der Aufnahme der Mixed-4×400-Meter-Staffel ins Programm der Olympischen Spiele etwas für die Gleichstellung der Geschlechter tut. Wir verstehen, dass ihr bei der Teilnehmerzahl fest bleibt, obwohl uns das 105 Startplätze kostet (jetzt: 1900). Doch Thomas Bach dürfte vor allem etwas anderes ins Auge springen: Die Warnung, die sich in der Reaktion der IAAF auf die jüngsten Beschlüsse des Internationalen Olympischen Komitees zum Programm der Sommerspiele 2020 in Tokio verbirgt.

          Die Zahl ihrer Teilnehmer zu verringern, lassen die Leichtathleten wissen, „wird unvermeidlich Auswirkungen auf unser gemeinsames Ziel der Universalität haben“. Zehn der 207 Olympiamannschaften, die im vergangenen Jahr in Rio antraten, nahmen ausschließlich an Wettbewerben der Leichtathletik teil, ebenso wie die meisten Mitglieder von Bachs Lieblingsmannschaft, dem Flüchtlings-Team. Bis auf die Mitglieder eines einzigen dieser Teams bekamen sie alle, weil sie die Qualifikations-Normen nicht erfüllten, Wildcards von der IAAF, insgesamt mehr als zwanzig.

          Mit diesen Freikarten könnte es 2020 vorbei sein. Obwohl es um kleine Staaten und Teams geht, von Äquatorialguinea über Tuvalu bis Swaziland, geht dies doch gegen den hochsymbolischen Anspruch von Bach und IOC, Athleten der ganzen Welt, aus mehr als zweihundert Ländern eine Bühne zu bieten und damit die Vereinten Nationen zu übertreffen. Wir wollen ja alle willkommen heißen, klingt da an, aber das IOC lässt uns nicht.

          Schwimmer ziehen an Leichtathleten vorbei

          Die Leichtathleten fühlen sich angegriffen. Ihr Status als olympische Sportart Nummer eins ist nicht mehr eindeutig. Durch die Aufnahme von drei Schwimm- und nur einen Leichtathletik-Wettbewerb haben die Schwimmer nun 49 Wettbewerbe, einen mehr als die traditionelle Kernsportart Olympias. Schon dass dies erst im Nachgang zu der Entscheidung des IOC von den Betroffenen diskutiert wird, deutet auf eine bemerkenswerte Leerstelle: Sebastian Coe ist der erste Leichtathletik-Präsident seit Menschengedenken, der nicht Mitglied des IOC ist. Am Wochenende sagte er gemeinsam mit 30.000 Fans Usain Bolt bei dessen letztem Wettbewerb in Jamaika auf Wiedersehen. Das dürfte zwar mehr Spaß gemacht haben, als in Lausanne mit dem IOC zu tagen. Doch die fehlende Gemeinsamkeit der einstigen Freunde Bach und Coe illustriert einen Riss durch die Welt des olympischen Sports.

          Mit erhobenem Zeigefinger: Thomas Bach will IAAF-Präsident Coe ein Schnippchen schlagen.
          Mit erhobenem Zeigefinger: Thomas Bach will IAAF-Präsident Coe ein Schnippchen schlagen. : Bild: dpa

          Spätestens seit Rio stehen beide für gegensätzliche, fast verfeindete Lager. Bach hat mit der Zulassung der russischen Olympiamannschaft trotz des großen Doping-Skandals und der Manipulation der Olympischen Winterspiele von Sotschi die Glaubwürdigkeit des olympischen Sports und seiner Vertreter untergraben und sich den Zorn vieler Athleten zugezogen. Coe, jahrelang Vizepräsident eines Verbandes, in dem Doping, Bestechung, Manipulation und gar Erpressung üblich waren, versucht seine und seiner Sportart Reputation durch ein Großreinemachen zu retten, das mit dem Ausschluss der russischen Leichtathletik-Mannschaft – auch von den Olympischen Spielen – begann. Noch geht es in dieser Auseinandersetzung um Kleinigkeiten – sieht man einmal von der Frage ab, wer mächtiger ist.

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          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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