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Leipziger Olympiabewerbung : Von Thärichen getäuscht - nun von de Vries überzeugt

  • -Aktualisiert am

Ab sofort heißt es: Feuer und Flamme für Leipzig Bild: AP

Der Abgesang auf den geschaßten Geschäftsführer der Leipziger Olympia-Bewerbung, Dirk Thärichen, gelang Oberbürgermeister Tiefensee wie ein Klagelied. Dafür hat der SPD-Politiker nun "volles Vertrauen" in Mike de Vries.

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          Der Abgesang auf den erst geschützten und jetzt geschaßten Geschäftsführer der Leipziger Olympia-Bewerbungs-GmbH, Dirk Thärichen, gelang Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee wie das Klagelied eines hintergangenen Bewährungshelfers: "Ich will nicht verhehlen, daß ich menschlich bitter enttäuscht bin von einer Person, der wir trotz ihres gebrochenen Lebenslaufes eine Chance, eine Perspektive gegeben haben."

          Für das Entgegenkommen seinerseits, vor der ersten Verpflichtung Thärichens im Dezember 2001 dessen Wehrdienstleistung beim Stasi-Wachregiment "Feliks Dzierzynski" nicht zum Knockout-Kriterium zu erheben, habe er eine Gegenleistung des damals 19 und heute 33 Jahre alten Landsmannes erwartet. "Deshalb zählt die Fälschung seines Lebenslaufes zu den größten Enttäuschungen meines politischen Lebens." Und hoffentlich wohl mehr noch die Vetternwirtschaft bis hin zur Untreue, die Thärichen nun zur Last gelegt wird und die auf der Olympia-Aufsichtsratssitzung am Samstag in Düsseldorf so schwer wog, daß sie zu seiner sofortigen Beurlaubung führte.

          Schily sieht Bewerbung wieder mal an "Fahrt gewinnen"

          Tiefensee setzt, wie seine anderen Aufsichtsratskollegen, nun "volles Vertrauen" in Mike de Vries und versichert den bislang ungeliebten früheren Bier-Vermarkter seiner "vollen Unterstützung". Eigentlich eine pure Selbstverständlichkeit, könnte man meinen, wenn man nicht zweierlei wüßte: daß Thärichen von Tiefensee nach dem Abstimmungssieg im deutschen Bewerberrennen am 12. April gegen den Wunsch von Klaus Steinbach, dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), auch mit der neuen Geschäftsführung betraut wurde; und daß Steinbach im Gegenzug de Vries sozusagen als westdeutsches Gegengewicht durchdrückte.

          Nun, da Tiefensee sich als Letzter von Thärichen demonstrativ distanzierte, scheint die hitzigste Phase der öst-westlichen Personaldiskussionen vorüber - passend zum Augenblick, in dem das neue Logo des deutschen Werbers um die Sommerspiele 2012 aufflammte: mit den Leipziger Farben, aus denen der in Frankfurt geborene und in Amsterdam lebende Designer Hans-Paul Brandt auf blauem Grund eine Stichflamme gelben Ursprungs über Orange bis hin zu den rot flackernden Rändern entworfen hat. "Ein geglückter Entwurf", fand das Aufsichtsratsmitglied Otto Schily, der als Bundesinnenminister das angeblich gesamtdeutsche Anliegen wieder einmal "Fahrt gewinnen" sah und seine Zuhörer glauben machen wollte, die einhelligen Beschlüsse des entscheidenden Gremiums würden der Bewerbung "einen großen Schub verleihen".

          Die "sofortigen Abberufung" ist eine fristlose Kündigung

          Das hörte man schon des öfteren - und fragt sich, wie viele Schübe eine Kandidatenstadt braucht, ohne sich vergeblich angestoßen vorzukommen. In der Geburtsstunde des neuen Logos, das unter der Flamme nur den dezenten Schriftzug "Leipzig 2012" trägt, wurde das alte Wort-Motto zu Grabe getragen. "Spiele mit uns" soll erst am 29. Oktober, wenn das optische Aufbruchsignal im Leipziger Hauptbahnhof der Öffentlichkeit vorgestellt wird, einen buchstäblichen Nachfolger bekommen.

          Unter dem getilgten wörtlichen Signum verbreitet unterdessen zumindest einer den Eindruck, ihm wäre übel mitgespielt worden. Dirk Thärichen zeigt sich uneinsichtig, obwohl das erhobene Belastungsmaterial zum Thema unsaubere Geschäftsgepflogenheiten so schwerwiegend sein muß, daß sogar der Bundesinnenminister der journalistischen Vermutung, aus der "sofortigen Abberufung" lasse sich eine fristlose Kündigung heraushören, wortwörtlich zustimmte. Seine Teamkollegen auf den Podiumsplätzen zur räumlichen wie zur politischen Linken und Rechten nickten. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt fügte nur der juristischen Form halber an, daß eine fristlose Kündigung "das Ziel dieser Abberufung" sei. Und natürlich auch die arbeitsrechtliche Konsequenz, Thärichen keinen Euro mehr zahlen zu müssen.

          Gegengeschäfte dubioser Art

          Geld ist schon mehr als genug geflossen, vermutlich unter der Hand und wohl auch an der Mehrheit des Aufsichtsrates vorbei. Mit dem Firmennamen Pentacom konnte Tiefensee zwar nichts anfangen; den Kroaten Ivan Radosevic und Henner Ziegfeld kenne er lediglich als Veranstalter des WTA-Tennisturniers in seiner Stadt. Mit ihnen soll Thärichen, ihr früherer Angestellter, als Olympiageschäftsführer seine Gegengeschäfte dubioser Art gemacht haben. Auf die Frage, ob die Leipziger Bewerber trotz der Entlassung Thärichens noch für dessen geschäftliche Hinterlassenschaften zahlen müssen, antworteten der Leipziger SPD-Oberbürgermeister und der sächsische CDU-Ministerpräsident in seltener Einmütigkeit: „Davon wüßten sie nichts. Jedenfalls gibt es keine schriftlichen Verträge."

          Ob die vorgeblichen Berater Radosevic und Ziegfeld sich auf mündliche Vereinbarungen berufen können, das werden Geschäftsführer de Vries und seine beiden Mentoren, der stellvertretende Sporthilfe-Vorstandsvorsitzende Bernd Rauch und der frühere Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff, sicher bald herausfinden.

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