https://www.faz.net/-gtl-6mff7

Leichtathletik-Weltverband : Ein Kreuz genügt

  • Aktualisiert am

Wiedergewählt - mit Pannen: Lamine Diack bleibt IAAF-Präsident Bild: Getty Images for IAAF

Nach der „peinlichen“ Pannen-Wahl in Daegu: Lamine Diack bleibt Präsident der IAAF, und das Duell der Kronprinzen Sebastian Coe und Sergej Bubka geht weiter.

          3 Min.

          Sergej Bubka hat zwar seine einzigartige Karriere als Stabhochspringer vor zehn Jahren beendet. Aber auch die Sportpolitik bereitet ihm schweißtreibende Stunden: Am Mittwoch konnte der 47 Jahre alte Ukrainer ein paar Stunden lang nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn man gescheitert ist: Beim Wahlkongress des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) kurz vor Eröffnung der WM in Daegu war er zunächst mit seiner Kandidatur für eine der vier Positionen des Vizepräsidenten durchgefallen – 118 Stimmen reichten nicht für einen der vier Sitze. Dieses Ergebnis hätte das Ende seines langfristigen Plans bedeutet, 2015 in Peking dem senegalesischen Präsidenten Lamine Diack nachzufolgen. Bubka war so überzeugt gewesen, zu gewinnen, dass er darauf verzichtet hatte, zur Sicherheit für einen Sitz im Council zu kandidieren. Ungehalten verließ Bubka den Saal – doch ein Fehler im elektronischen Wahlsystem rettete ihn.

          Weil bei der anschließenden Wahl des Schatzmeisters mehr Stimmen auftauchten (210) als Delegierte anwesend waren (199), mussten sämtliche Wahlen manuell wiederholt werden. Im zweiten Anlauf erhielt Bubka 159 Stimmen und war gewählt, genau wie der 54 Jahre alte ehemalige Mittelstreckenläufer Sebastian Coe, der Chef des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 2012 in London und schärfste Rivale Bubkas um die Präsidentschaft (169). Mehr Stimmen als die beiden Kronprinzen erhielten der Amerikaner Robert Hersh (175) und Dahlam Al-Hamad aus Qatar (171).

          Auch Lamine Diack, der 78 Jahre alte Präsident, der ohne Gegenkandidat zur Wiederwahl angetreten war, ließ die Abstimmung über sein Amt wiederholen, obwohl er mit 173:27 Stimmen bereits deutlich gewählt worden war. Die Wiederholung führte in seinem Fall jedoch nicht – wie wahrscheinlich erhofft – zu einer Verbesserung, sondern zu einer Verschlechterung des Wahlergebnisses. 169:29 Stimmen lassen darauf schließen, dass er im Lauf des desaströsen Wahlvorgangs zwei Gegner dazu gewonnen hat. Diack ist seit 1999 im Amt, noch nie hat er so viele Gegenstimmen erhalten wie in Daegu. „Diese Präsidentenwahl hätte nicht annulliert werden müssen“, sagte der emeritierte Tübinger Sportsoziologe Helmut Digel, der zu den 32 Anwärtern auf einen der neun Sitze der Persönlichen Mitglieder des IAAF Councils gehört. „Das ist alles peinlich.“ Die Wahl des Councils wurde angesichts der Probleme auf diesen Donnerstag verlegt.

          Durch fehlerhafte Elektronik gerettet: Sergej Bubka

          Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und von Beruf Amtsrichter, kritisierte die Vorgänge: „Das ist ein Desaster und stellt die Glaubwürdigkeit in Frage.“ Besonders kritisierte Prokop das Wahlverfahren auf Zetteln, die erst nach der gescheiterten elektronischen Abstimmung gedruckt worden waren. Auf diesen Zetteln musste nur ein Kreuz gemacht werden, das Fehlen eines solchen wurde als Nein-Votum gewertet. „Das widerspricht den gängigen demokratischen Verfahren und macht eine Manipulation einfacher, indem man nachträglich nur ein Kreuz hinzufügen muss“, bemängelte Prokop. Diack ließ sich von dem Durcheinander nicht aus der Ruhe bringen. „Es gibt ein paar Leute, die meinen, der Alte hat lange genug da oben gesessen“, sagte er. Bei den Wahl-Problemen habe es sich nur um eine technische Panne gehandelt. „Ich geniere mich nicht dafür.“

          Prokop sieht Diacks Situation kritischer: „Das Abstimmungsergebnis zeigt, dass die Zufriedenheit mit Diack nicht mehr so groß ist, wie sie mal war.“ Gegen den mächtigen Sportfürsten aus Afrika läuft ein Verfahren vor der Ethik-Kommission des Internationalen Olympischen Komitees, dessen Mitglied er ist, im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen. Diack selbst erklärte dazu, dass ihn das IOC bereits im April angeschrieben und er sich zu den Vorwürfen geäußert habe. Seitdem habe er nichts mehr gehört. „Ich nehme an, dass die Sache beendet ist“, sagte er in Daegu. Die Vorwürfe, die in einer englischen Fernsehsendung erhoben worden waren, beziehen sich auf angebliche Schmiergeld-Zahlungen durch den 2001 insolvent gegangenen Rechtevermarkter ISL.

          In den vergangenen Jahren haben sich Bubka und Coe als mögliche Nachfolger Diacks positioniert. Coe hatte erst vor etwa zwei Wochen bekannt gegeben, dass er sich nach Olympia auf die Leichtathletik konzentrieren wolle. Dazu will er seinem Sport – Coe hat zwei Goldmedaillen über 1500 Meter gewonnen - das Olympiastadion in London erhalten. Die britische Hauptstadt hat sich für die Leichathletik-WM 2017 beworben. Mittlerweile zeichnet sich ab, dass der Fußballklub Tottenham Hotspur, der vor Gericht dem Rivalen West Ham United das Recht streitig machen wollte, das Olympiastadion künftig zu nutzen, seine Klage zurückziehen wird. Damit stünde auch fest, dass die Laufbahn des Stadions erhalten bliebe. Gute Aussichten für Coe also, der sich mit Kritik an der Wahl-Panne zurück hielt. „Ich glaube nicht an Konspiration“, sagte der von der Queen geadelte Engländer. „Es war ein Fehler der Technik.“

          Weitere Themen

          Die FDP hat in Hamburg doch weniger Stimmen

          Panne bei Wahlauszählung : Die FDP hat in Hamburg doch weniger Stimmen

          Die FDP könnte den Wiedereinzug in die Hamburger Bürgerschaft verpassen, weil ihre Stimmen im Wahlbezirk Langenhorn mit denen der Grünen verwechselt wurden. Die Thüringer Turbulenzen haben auch in der Hansestadt das Vertrauen vieler Wähler in die Liberalen erschüttert.

          Topmeldungen

          Jens Spahn und Armin Laschet am Dienstag in Berlin

          CDU-Vorsitz : Laschet kandidiert, Spahn verzichtet

          Armin Laschet will CDU-Vorsitzender werden und Wähler der Mitte für die Union gewinnen. Das kündigte der NRW-Ministerpräsident in Berlin an. Gesundheitsminister Jens Spahn verzichtet auf eine Kandidatur und bewirbt sich um den Vize-Vorsitz.

          Überleben in Syrien : Nomaden des Kriegs

          Assads Truppen hinterlassen auf dem Vormarsch in Idlib verbrannte Ende. Die Menschen in Syrien fliehen – bis es nicht mehr weitergeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.