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Leichtathletik-Kommentar : Schlimmer als die Fifa

Lamine Diack war sechzehn Jahre lang Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. Bild: AFP

Verraten und verkauft: Der frühere Leichtathletik-Präsident Lamine Diack erpresst Doper. Dies stellte sogar das Treiben der Clique um Joseph Blatter in den Schatten. Ein Kommentar.

          Dies stellte sogar das Treiben der Clique um Joseph Blatter in den Schatten: Der ehrenwerte Repräsentant der Welt der Leichtathletik, des Kerns der Olympischen Spiele, entpuppt sich als Kopf einer mafiösen Bande. Hunderttausende, womöglich mehr als eine Million Dollar soll Lamine Diack, sechzehn Jahre lang Präsident des Weltverbandes IAAF und Ehrenmitglied des Internationalen Olympischen Komitees, Athleten abgepresst haben.

          Noch ist das nicht bewiesen. Doch wenige Tage nach der zwischenzeitlichen Verhaftung des 82 Jahre alten Senegalesen in Monte Carlo, am Sitz des Verbandes, dessen Führung er vor zweieinhalb Monaten Sebastian Coe übergab, dringen Details aus dem Bericht der Sonderermittler an die Öffentlichkeit, der am Montag in der Schweiz vorgestellt werden soll. Demnach hat Diack nicht nur ungeniert den Schacher um Großveranstaltungen auf die Spitze getrieben und Korruption geduldet.

          2011 professionalisierte er ein Erpressungssystem, das sich gegen Fairness, Anstand und Sauberkeit richtet, die Essenz des Sports. Drei Millionen Dollar wies Diack der Anti-Doping-Abteilung seines Verbandes an und pries sich dafür als Vorreiter eines konsequent sauberen Sports. Zugleich stellte er seinen Sohn Papa Massata und seinen Freund Habib Cissé als Berater ein und gewährte ihnen Zugriff auf die Listen verdächtiger und positiv getesteter Athleten.

          Diesen Sportlerinnen und Sportlern boten Papa Massata Diack und sein Bruder Khalil an, sie gegen generöse Bezahlung von den Listen zu streichen. Einige Fälle sollen am Montag benannt werden. Neben einer Handvoll russischer Fälle findet sich darunter laut französischer Publikationen auch der der türkischen Olympiasiegerin über 1500 Meter, Asli Çakir Alpteki. Sie weigerte sich, den zweiten Dopingfall ihrer Karriere gegen Zahlung einer halben Million Dollar abwenden zu lassen; womöglich, weil sich herumgesprochen hatte, dass die Familie Diack gelegentlich zurückkam und Nachschlag forderte.

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          Nun ist die Goldmedaille von London weg, und acht Jahre Sperre dürften ihre Karriere beendet haben. In Online-Foren wird die Behauptung der russischen Zeitung Kommersant diskutiert, der britische Olympiasieger Mo Farah habe sich von positiven Dopingtests freigekauft.

          Wichtiger als die Namen einzelner Athleten ist allerdings, wie Sebastian Coe die Leichtathletik aus ihrer größten Krise führen, wie er seine verratene und verkaufte Sportart retten will. Zwar hat er, als schriebe er an einer Satire, zwanzig Arbeitsgruppen zur Erneuerung der Leichtathletik mit zweihundert Mitgliedern ins Leben gerufen. Doch über die Meldung hinaus, dass Coe die prunkvolle jährliche Gala abgesagt hat, mit der Sportlerinnen und Sportler von gestern und heute Ende November die Leichtathleten des Jahres feiern wollten, ist nichts zu hören und zu sehen von dem Mann, der noch vor elf Wochen in Peking nichts so sehr wollte, als die Leichtathletik zu führen.

          Von Diack übernahm er das Amt und die Behauptung, die Leichtathletik sei vital, sauber und ein Hort des olympischen Geistes. Nun stellt sich heraus: Das war nichts als eine Lüge des Mannes, den er seinen Ziehvater und immerwährenden Ratgeber nannte. Dennoch hat Coe, wie ein Niersbach der Leichtathletik, drei Tage nach Diacks Verhaftung immer noch kein Wort des Bedauerns oder der Distanzierung hervorgebracht. Sein Schweigen signalisiert nicht etwa, dass der erste Mann dieser Sportart die Dimension des Skandals nicht realisiert. Sondern es erweckt den Eindruck, als sei er nicht erschrocken und empört. Sondern als fühle er sich ertappt.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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