https://www.faz.net/-gtl-t494

Leichtathletik-EM : Im Klima von Mißtrauen und Unterstellungen

Hürden-Siegerin Jewgenia Isakowa: System der Russen? Bild: dpa

Das Thema dieses Sportsommers beherrscht auch die Leichtathletik-EM in Göteborg, doch gesprochen wird darüber nur ausnahmsweise: Doping. So stehen die zum Auftakt sehr erfolgreichen Russen unter Generalverdacht.

          3 Min.

          In seiner Freude über das gute Abschneiden des deutschen Teams hat sich Frank Hensel, der Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), auch eine Spitze gegen das Team gegönnt, das mit sieben Goldmedaillen die Erfolgsstatistik der Leichtathletik-Europameisterschaft anführte.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Viele Journalisten hatten vorher nach dem schwedischen System gefragt“, sagte er. „Nach dem System der Russen hat uns noch niemand gefragt.“ Er glaube nicht, daß der Rest Europas so blöd sei, den Russen einen derart großen trainingsmethodischen Vorsprung zu gewähren. „Was wir nicht haben, ist Chancengleichheit“, fuhr Hensel fort. Der fulminante Endspurt der 800-Meter-Siegerin Olga Kotljarowa war ein neues Indiz, daß das Wort „unglaublich“ nicht nur ein Attribut der Bewunderung ist.

          Marx: „Es kotzt mich an“

          Hätte Hensel Klartext gesprochen, wäre das Wort dieses Sportsommers gefallen: Doping. Das Thema beherrscht auch die Europameisterschaft in Göteborg, doch gesprochen wird darüber nur ausnahmsweise. Die Berlinerin Claudia Marx etwa hatte, kaum war sie im Finale über 400 Meter Hürden auf den vierten Platz gerannt, behauptet, die Russin Isakova, die Griechin Halkiá und die Ukrainerin Tereschschuk, die vor ihr ins Ziel gekommen waren, kochten auch nur mit Wasser.

          Um eine Minute gesteigert: Inga Abitowa

          Sie wollte damit sagen: Auch sie sind schlagbar. Dann brach es aus ihr heraus: „Es kotzt mich an, wenn es in England siebzig No-Shows bei Dopingtests gibt. Warum kriegen wir das hin und die nicht im Zeitalter von Handy und SMS?“ Die Antwort lautet: Weil es die Regeln zulassen.

          Siebzig Briten nicht erreichbar

          Auch die deutschen Schwimmerinnen und Schwimmer, die bei ihrer Europameisterschaft in Budapest so überaus erfolgreich waren, nutzten laut ihrem Sportdirektor Örjan Madsen die Möglichkeit, für überraschende Trainingskontrollen erst einmal oder gar zweimal nicht erreichbar zu sein. Die Briten immerhin suspendierten wegen gleich drei Abwesenheiten ihre hoffnungsvolle 400-Meter-Läuferin Christine Ohuruogu; ihr droht eine Sperre von zwei Jahren. Dave Collins, Hensels Kollege im britischen Verband, bestätigte, daß mehr als siebzig seiner Leichtathleten für mindestens eine Trainingskontrolle nicht erreichbar waren. Vier seien zwei Mal nicht angetroffen worden; ihnen drohe beim nächsten Mal die Suspendierung.

          Die deutschen Leichtathleten haben offenbar nicht die Chuzpe, sich auf diese Art Schonzeit von Dopingkontrollen zu verschaffen. Auf gerade zwei Fälle von No-Shows kommen sie laut Hensel in den vergangenen zwölf Monaten, und auch Ausnahmegenehmigungen für Kortison und Asthmamittel seien kaum beantragt worden.

          Manipulationen mit Ursprung in Deutschland

          „Wir haben keinen Grund mit dem Finger auf andere zu zeigen“, sagte, ebenfalls in Göteborg, Helmut Digel, der ehemalige Präsident des DLV. „In den vergangenen zehn Jahren wurde die Zahl der Dopingproben nicht erhöht.“ Unter Hinweis auf die Dopingfälle Krabbe/Breuer/Derr von 1992 und die Verurteilung von deren Trainer Thomas Springstein für das Doping einer Minderjährigen im März dieses Jahres sagte er, daß die meisten Manipulationen ihren Ursprung in Deutschland hätten.

          Auch der Skilangläufer Mühlegg, dem seine drei olympischen Goldmedaillen abgenommen wurden, habe Doping gewiß in Deutschland gelernt. Der Bayer war in Salt Lake City für Spanien gestartet und des Epo-Einsatzes überführt worden. Positive Fälle seien Indizien für die Existenz von Dopingstrukturen, sagte Digel, Unterstellungen dagegen Unsinn.

          Epo-Kuren in Marokko?

          Gleichwohl muß auch der Verdacht bekämpft werden. Insbesondere die deutschen Schwimmer sind ihm derzeit ausgesetzt. Madsen schlägt deshalb vor, daß sie sich zum Beweis ihrer Sauberkeit regelmäßig Blutuntersuchungen unterziehen. Das kann zu Überraschungen führen. Der französische Leichtathletikverband suspendierte aufgrund eines solchen Langzeitprofils seine 1500-Meter-Läuferin Latifa Essarokh; nicht, weil sie gerade im Alter von 32 Jahren erstmals unter vier Minuten für ihre Strecke brauchte und dabei französischen Rekord lief. Vielmehr berief sich Verbandspräsident Bernard Amsalem darauf, daß die im französischen Sport übliche Langzeit-Beobachtung Werte ergeben habe, die auf Manipulation hinweisen.

          Der Fall scheint Berichte zu bestätigen, nach denen Trainingslager von Mittelstrecklern in Marokko für Epo-Kuren benutzt werden. Auch in Rußland sei Epo ohne Schwierigkeiten zu erhalten, heißt es in anderen Berichten. Experten allerdings wissen, daß alle Trainingslager leicht versorgt werden können; ein Knotenpunkt im Netzwerk von Springstein wie von Dutzenden Radprofis war Madrid.

          Nur Blauäugigkeit ist nicht zu verzeihen

          Patrice Binelle vom französischen Leichtathletikverband sagte in dieser Woche, daß sich immer mehr Athleten die teuren Kuren leisten könnten: „Blutdoping demokratisiert sich, wie das mobile Telefon zu seiner Zeit.“ Falls Erfolg den Verdacht verstärkt, muß in diesem Zusammenhang erwähnt werden, daß die beiden französischen Mittelstreckenläufer Mehdi Baala (1500 Meter) und Marc Raquil (400 Meter) am Mittwoch Europameister wurden. Und daß die Russin Inga Abitowa beim Sieg über 10.000 Meter ihre persönliche Bestzeit um mehr als eine Minute verbesserte. Claudia Marx, nebenbei, verbesserte ihre Bestzeit in Göteborg um sieben Zehntel.

          Linford Christie wehrte sich in Göteborg gegen Kritik an seiner jüngsten Berufung zum Mentor der britischen Sprinter. Er sei, als er 1999 wegen Nandrolondopings gesperrt wurde, unschuldig gewesen, sagte der Olympiasieger im Sprint von 1992, und seine Berufung beweise das. Unglücklicherweise gehört die dreimal für die Doping-Tester nicht auffindbare Christine Ohuruogu seinem privaten Rennstall „Nuff Respect“ an. Ihr einziger Fehler, verteidigte er sie, sei ihre Naivität. Blauäugigkeit ist im Hochleistungssport allerdings nicht zu verzeihen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ministerpräsident Armin Laschet in der Staatskanzlei in Düsseldorf

          Armin Laschet im Interview : „Wir wollen den Erfolg von AKK“

          Vor ihrem Parteitag macht die CDU einen aufgescheuchten Eindruck. Der stellvertretende Parteivorsitzende und NRW-Ministerpräsident, Armin Laschet, spricht im F.A.Z.-Interview über die Querelen in der CDU, über AKK, über Windkraft – und Kopftücher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.