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Leichtathletik-Weltverband : Kostet zu viel Doping doch Geld?

Moral oder Geschäft? Was Adidas bewegt, bleibt unklar. Bild: Imago

Adidas plant den Ausstieg als Sponsor des Internationalen Leichtathletik-Verbandes. Die fehlenden Einnahmen stellen vor allem den neuen IAAF-Präsidenten Sebastian Coe vor ein Problem.

          Sebastian Coe war auf Reisen am Wochenende. In Qatars Hauptstadt Doha vernahm der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF warme Worte. „Lord Sebastian Coe“, sagte dessen Gastgeber Dahlan Al Hamad, der Vorsitzende des qatarischen Leichtathletikverbandes, „vertritt die Leichtathletik mutig und unermüdlich in der bestmöglichen Art und Weise, kämpfend, um die Zukunft des Sports zu sichern“.

          Genau diese Zukunft sieht ein wesentlicher IAAF-Sponsor offenbar pechschwarz: Adidas, seit 2009 Hauptsponsor des von Korruptions- und Doping-Skandalen geschüttelten Verbandes, wolle aus dem bis 2019 laufenden Vertrag mit der IAAF aussteigen, berichtete die britische BBC, und habe die Entscheidung darüber Coes Verband bereits mitgeteilt.

          Eine Unternehmenssprecherin des fränkischen Sportartikelherstellers dementierte die Behauptung am Montag nicht, fest stehe der Ausstieg aber noch nicht. Man sei „gegen Doping in jeder Form“ und deshalb in engem Kontakt, um mehr über den „Reformprozess der IAAF zu erfahren“.

          Ein Reformprozess, der unumgänglich geworden war, nachdem sich die Usancen in der Führungsriege des Weltverbandes unter anderem im Umgang mit Doping offenbart hatten: Das Wissen über flächendeckendes Doping, etwa in Russland, war allem Anschein nach über Jahre vom vormaligen IAAF-Präsident Lamine Diack und seiner Entourage zum Anlass genommen worden, das eigene Vermögen mittels erpresserischer Angebote zu mehren.

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          Adidas war den aktuellen Vertrag im Vorfeld der WM 2009 in Berlin eingegangen, nach F.A.Z.-Informationen garantiert das Unternehmen pro Jahr eine Zahlung von drei Millionen Dollar, zudem die Ausstattung von IAAF-Personal und freiwilligen Helfern bei Wettkämpfen des Weltverbandes. Alle zwei Jahre, wenn die IAAF Weltmeisterschaften austrägt, kommt so eine Umfang von etwa zehn Millionen Dollar zustande, in Jahren mit weniger großen Sportfesten beläuft sich die Gesamtsumme auf etwa fünf Millionen.

          Demnach würde der IAAF bei einem Ausstieg mit sofortiger Wirkung ein Volumen von rund 30 Millionen Dollar verloren gehen und in eine schwierige Lage versetzt, denn neben Adidas kommen lediglich das amerikanische Unternehmen Nike und der chinesische Li-Ning-Konzern für diese Form des Sponsorings in Frage. Gerade das Engagement von Nike in der Leichtathletik ist zuletzt immer argwöhnischer beäugt worden. Die Weltmeisterschaft 2021 wurde von Coes Vorgänger Lamine Diack an Eugene in Oregon vergeben, den Gründungsort des amerikanischen Sportartiklers, zum 50-jährigen Firmenjubiläum.

          Die Vergabe ist Teil der Ermittlungen französischer Staatsanwälte gegen Diack, dessen Sohn, dessen ehemaligen Berater und gegen den früheren Chef der Anti-Doping-Abteilung der IAAF. Eine Untersuchung, die Coe noch im Dezember bei einer Befragung des Sportausschusses im britischen Unterhaus nicht für angezeigt hielt. Kurz zuvor hatte er seinen Vertrag als Nike-Berater gelöst, der ihm angeblich 140.000 Dollar pro Jahr einbrachte, in dem er aber bis zuletzt keinen Interessenkonflikt sehen wollte.

          Jede Annäherung an Nike wird sich nicht von dieser langjährigen Partnerschaft lösen lassen. Gleichwohl wird sich Coe in der Pflicht sehen, für Ersatz zu sorgen, sollte Adidas tatsächlich aussteigen. Ende 2015 hatte die russische Bank VTB ihren Vertrag mit der IAAF nicht verlängert. Vergangene Woche wurde bekannt, dass man bei der IAAF nicht sicher ist, von VTB je Geld bekommen zu haben. Die japanische Agentur Dentsu, Vermarkter der IAAF, äußerte sich zu dem Fall bislang nicht.

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          Adidas wiederum ließ sich in den Verträgen mit der IAAF und Dentsu mit Ausstiegsklauseln bei Doping-Fällen versichern, ähnlich wie das in Verträgen mit Athleten der Fall ist. Dentsu garantiert der IAAF nach F.A.Z.-Informationen elf bis zwölf Millionen Dollar im Jahr – bis 2029. Dentsu-Chef Kiyoshi Nakamura sprach Coe am Montag in einem von der IAAF verbreiteten Statement sein Vertrauen aus.

          Der Engländer hat noch ein Wahlversprechen einzulösen, das insgesamt 22 Millionen Dollar kostet: Jeder Verband soll in den kommenden vier Jahren pro Jahr 25.000 Dollar erhalten. Das hatte Coe garantiert, bevor er im August in Peking zum Nachfolger Diacks gewählt wurde. Und er hatte nun angekündigt, das Anti-Doping-Budget seines Verbandes bis Mitte des Jahres von vier auf acht Millionen Dollar zu verdoppeln.

          IAAF-Präsident Sebastian Coe.

          Adidas scheint das nicht zu reichen, um die IAAF weiterhin zu unterstützen. Sollte das Geld knapp werden, dürfte Coe sich aber womöglich noch einmal an die Freunde am Persischen Golf wenden, bei denen er jüngst zu Gast war: Doha, WM-Gastgeber 2019, erhielt den Zuschlag im November 2014, weil Coes Vorgänger Diack in letzter Sekunde zwei Briefe des Emirs von Qatar präsentierte. Darin formuliert: Das Versprechen, die IAAF gegen entsprechenden Wahlausgang fortan mit 36 Millionen Dollar zu alimentieren. Noch so eine Vergabe, die Coe nicht untersuchen lassen will. In Frankreich aber kümmern sich die Staatsanwälte darum.

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