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Landessportbünde : Neues Selbstbewusstsein, eigenes Büro

Rund 90.000 Sportvereine gibt es in Deutschland. Bild: dpa

Die Landessportbünde wollen noch in diesem Jahr eine Geschäftsstelle in Berlin eröffnen.Wollen sie etwa mit dem Hauptstadtbüro des DOSB konkurrieren?

          3 Min.

          Verabschiedet sich die nächste Organisation aus dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB)? Geben nun auch die sechzehn Landessportbünde (LSB) den Zentrifugalkräften nach, die an der Einheit des großen Verbandes zerren, der einige Tausend Topathleten und Abermillionen Mitglieder von rund 90.000 Sportvereinen unter ein Dach zu bringen versucht?

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          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Fast scheint es, als folgten die Länder den Athletenvertretern, die 2017 spektakulär ihren eigenen Verein gründeten, Athleten Deutschland. Am vergangenen Wochenende haben sie auf einer Konferenz in Kassel einstimmig beschlossen, noch in diesem Jahr in Berlin eine Geschäftsstelle einzurichten, um am Sitz von Parlament und Regierung ihre Interessen besser vertreten zu können. Wollen sie mit dem Hauptstadtbüro des DOSB konkurrieren?

          „Nein“, sagt Jörg Ammon, der neue Vorsitzende der Konferenz der LSB: „Wir streben keinesfalls auseinander. Wir wollen Unterstützung und Verstärkung innerhalb des DOSB leisten.“ Nicht einmal die Missachtung durch den Bund, die in den fünfzehn Monaten der pandemiebedingten Einschränkungen und der Lockdowns der Sport an der Basis erleben musste, will er als Auslöser verstanden wissen. Es gebe vieles über die Pandemie hinaus, sagt der Präsident des Bayerischen Landessportverbandes, was die Vereinswelt betreffe. Ammon, Betriebswirt und Steuerberater, nennt die Gesetzgebung zu Mindestlohn und Gemeinnützigkeit.

          „Wir arbeiten eigene Defizite auf“

          Und doch beschreibt alles, was der Sport aus den Ländern seinem zukünftigen Repräsentanten in Berlin auftragen will, Leerstellen, die der DOSB gelassen hat, während er sich bei seiner Lobbyarbeit auf den Bundesinnenminister und dessen Spitzensportförderung konzentrierte. Der Gesundheitsausschuss des Bundestages lud den Sport während der Pandemie nicht zu seinen Anhörungen ein. In die Ministerien für Wirtschaft, Jugend, Familie und Gesundheit hat der Sport keinen Draht, wie sich etwa zeigte, als den gesetzlichen Krankenkassen Werbung im Spitzensport verboten werden sollte. Finanzminister Olaf Scholz hielt es nicht für nötig, auf den Brief zu antworten, mit dem Ammon und seine fünfzehn Kollegen gegen ein neues Transparenzregister protestierten.

          Auch Ammons Berliner Kollege Thomas Härtel legt Wert darauf, dass sich die Einrichtung der Geschäftsstelle nicht gegen den DOSB richte. „Wir wollen in der Sportministerkonferenz und der Sportreferentenkonferenz stärker unser Gewicht einbringen“, sagt er. „Die länderübergreifenden Interessen des Amateur-, Freizeit- und Gesundheitssports.“ Wie wenig ernst die LSB ihre Vertretung bisher nahmen, zeigt die Gewohnheit, dass der Landessportbund, in dessen Land die für den Sport zuständigen Minister ihre regelmäßige Konferenz abhielten, mehr oder weniger zufällig die Gesamtheit der LSB vertrat – nicht selten mit der Priorität, zu einem besonders schönen geselligen Abend einzuladen.

          Nun endlich soll der gewählte Vertreter, Ammon, aus Bayern zu den Treffen anreisen, bestens vorbereitet von seinem neuen Büro in Berlin. Tief blicken lässt die Wortwahl von Christoph Niessen. Der Vorstandsvorsitzende des LSB Nordrhein-Westfalen verspricht sich von dem Berliner Büro Disziplinierung und Professionalität. „Wir wollen die Masse des Sports repräsentieren“, sagt er. „Unsere Interessen sind bisher unter die Räder gekommen.“ Die LSB könnten in Berlin nur mit einem starken DOSB etwas erreichen, sagt Niessen, und dieser müsse sich breit und föderal aufstellen. „Wir wollen keine parallelen Strukturen“, sagt Härtel. „Wir arbeiten eigene Defizite auf.“

          Die LSB sind längst nicht die ersten mit eigener Vertretung in Berlin. Athleten Deutschland, vom Bund mit jährlich 400.000 Euro unterstützt, dürfte die bekannteste der Interessenvertretungen aus dem Sport in der Hauptstadt sein. Der spektakulärste Coup gelang Teamsport Deutschland, der Vertretung von Basketball, Eishockey, Handball, Volleyball sowie unterklassigem Fußball, als sich die Milliarden umfassenden Corona-Hilfen des Bundes als untauglich für den Sport erwiesen.

          Sie sorgten dafür, dass 270 Millionen Euro ans Innenministerium übertragen und Profiklubs zur Verfügung gestellt wurden. Ins Büro des DOSB in der Friedrichstraße haben zudem Behindertensport und Sportjugend, Reitsport und Wassersport eigene Lobbyisten entsandt. Die Landessportbünde übrigens ziehen nicht mit in diese Räumlichkeiten in fußläufiger Entfernung von Bundestag und Kanzleramt. Das Büro soll im Gebäude des LSB Berlin entstehen, weit im Westen, direkt am Olympiastadion von 1936 gelegen.

          Mit ihrer Berlin-Vertretung setzen die LSB ein Zeichen ihres neuen Selbstbewusstseins. Die Praxis hat ein Ende, dass der Vorstand des DOSB an den Konferenzen der LSB teilnimmt und der DOSB-Präsident die Diskussion dominiert. Die LSB tagen neuerdings ohne sie. „Die Länder sprechen auch nicht immer mit der Kanzlerin“, kommentiert Niessen. Bei der seit mehr als einem halben Jahr ausstehenden Neubesetzung des DOSB-Vorstandspostens für Sportentwicklung, sagt Ammon, sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Er will, dass die Stelle besetzt wird. Und schließlich soll, auch dies ein spezieller Beitrag zur Einheit von DOSB und LSB, der Dachverband vom nächsten Jahr an das neue Berliner Büro der LSB finanzieren.

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