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Landessportbünde klagen an : „Grotesk, dysfunktional, unrealistisch“

Irrelevant? Gina Lückenkemper ist Europas Schnellste. Doch die LSB wollen mehr Weltspitze fördern. Bild: dpa

Es brodelt gewaltig im deutschen Sport. In einem denkwürdigen Ausbruch kritisiert die Konferenz der Landessportbünde das bestehende Fördersystem und fordert weniger Bürokratie.

          3 Min.

          Zu einem kollektiven Wutausbruch scheint es bei der Konferenz der Landessportbünde (LSB) am Freitag in München gekommen zu sein. Über „groteske Bürokratie“ und „unrealistische Steuerungsphantasien“ beklagen sich die LSB in einem einstimmig verabschiedeten Papier, über „dysfunktionale Denkmuster“ und die „Fiktion von zentraler Steuerung“.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die sechste von sieben mit Ausrufezeichen formulierten Forderungen ist die nach Einschränkung der staatlichen Förderung von nicht erfolgreichen Sportarten. Deutschland sei wohl das einzige Land der Welt, das versuche, in allen Sportarten und -disziplinen Spitzensportförderung zu betreiben. „Wenn wir nicht in einer stetig steigenden Zahl von Sportarten/-disziplinen im Weltmaßstab zurückfallen wollen“, heißt es darin, „ist eine Konzentration der vorhandenen Mittel auf weniger Sportarten/-disziplinen unabdingbar.“ Über eine Grundförderung der anderen Sportarten müsse diskutiert werden.

          Noch nie habe er ein solches Maß an Frustration, Enttäuschung und Resignation erlebt wie beim Treffen der Geschäftsführer vor vier Wochen in Saarbrücken, berichtet Christoph Niessen, Vorstandsvorsitzender des LSB Nordrhein-Westfalen: „Da brodelt’s.“ Riesenfrust und emotionale Ausbrüche bei der Konferenz hätten zu diesem Papier mit dem Titel „Die Zukunft des Leistungssports gestalten!“ geführt. Kern sei die Frage, wie in diesem System die Ressourcen verteilt würden. Die Leistungssportreform von 2016 habe zu viele Aspekte gehabt: „Darin haben sich die Akteure verloren.“

          Das Übermaß an Strukturen und Institutionen im Sport – jüngst die Schaffung des Potenzialanalysesystems Potas – sei eine Flucht aus der Verantwortung; es gelte, das Misstrauen zwischen dem Bund als Förderer des Spitzensports und Deutschem Olympischen Sportbund (DOSB) zu überwinden und den Sport nicht nur für sportliche Leistung in die Verantwortung zu nehmen, sondern ihm mittels Budget und Zielvereinbarung auch die Möglichkeit zur Gestaltung zu geben. Damit sprechen sich die LSB gegen die im Koalitionsvertrag angekündigte unabhängige Instanz zur Vergabe der staatlichen Fördermittel aus, gemeinhin als Spitzensport GmbH beschrieben.

          Bürokratieabbau sei keine spektakuläre Forderung, sagt Niessen, was aber an Bürokratie und Hindernissen aufgebaut wurde, sei spektakulär: „Manche zuwendungsrechtlichen Forderungen sind grotesk.“

          Die Maximen von Fair Play, Menschenwürde und Unversehrtheit des Menschen dürften nicht zu einer Relativierung von Zielen der Leistungssportförderung führen, fordern die Landessportbünde. Die Logik der Leistung erfordere letztlich eine Orientierung der Förderung am Weltmaßstab. „Diese klare Orientierung haben wir an vielen Stellen des Systems verloren.“ Das gemeinsame Ziel eines humanen und manipulationsfreien Leistungssports „darf nicht dazu führen, dass nur noch vorgeblich Spitzensport gefördert wird, man aber von vornherein ein Verpassen des Weltmaßstabs akzeptiert“.

          Es geht um Erfolg, nicht um Spaß

          Niessen weist die Interpretation zurück, dass die LSB einen Leistungssportbeschluss wie in der DDR 1969 forderten, der seinerzeit zum Ausschluss von Basketball und Hockey, Tischtennis, Ski alpin und Eishockey aus der staatlichen Förderung führte. „Wir wollen nicht Spitzenleistungen mit allen Mitteln“, sagt er: „Wir wollen nicht alles dem Erfolg unterordnen. Aber wir wollen Spitzenleistungen. Athleten fahren zu Wettkämpfen, um Erfolg, nicht um Spaß zu haben.“

          Auf die Frage, ob nach Vorstellung der LSB sich die Leichtathletik auf Kürzungen einstellen müsste, erwidert Niessen, dass es der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft an Erfolgen gemangelt habe, dass beim Freudenfest Europameisterschaft von München aber die Erfolge nicht Weltmaßstab erreichten. Sprinterin Gina Lückenkemper wurde Europameisterin in 10,99 Sekunden. Bei der Weltmeisterschaft von Eugene (Oregon) hätte sie sich mit dieser Zeit nicht für den Endlauf qualifiziert. Die 8545 Punkte, mit denen Niklas Kaul Europameister im Zehnkampf wurde, hätten ihn bei der WM lediglich auf Platz vier gebracht.

          Leistungssport im Verein fördern

          Im Potenzialanalysesystem Potas sei Leichtathletik Nummer eins der Sommersportarten geworden, interpretiert Niessen, weil der Verband die Fragebogen am besten ausgefüllt habe. Basketball dagegen, dessen Nationalmannschaft der Männer gerade Platz drei bei der Europameisterschaft erreicht hat, einem Ereignis, in dem viele Spiele Weltniveau hatten, sei bei Potas Letzter geworden. „Angesichts dieser Befunde muss man sich fragen“, sagt Niessen: „Was ist das wert? Haben wir dafür diese neue Struktur geschaffen und lassen sie uns Hunderttausende Euros kosten?“

          Vielmehr solle die unmittelbare Arbeit mit Athletinnen und Athleten in den Mittelpunkt der Arbeit rücken. Die Landessportbünde planten einen einheitlichen Tarif für die Beschäftigung von Trainerinnen und Trainern. Darüber hinaus gelte es, Leistungssport im Verein zu fördern. Die Zusammenarbeit von Vereinen und Schulen sei notwendig; Sport müsse vor allem an Grundschulen als Unterrichtsfach wie als Kooperationsinhalt deutlich aufgewertet werden.

          Wie der DOSB fordern die Landessportbünde – in einem separaten Papier – eine Deckelung der Energiekosten und die Aufnahme des Sports ins dritte Entlastungspaket der Bundesregierung. Vereine und Verbände stünden durch mögliche Schließung von Sportanlagen und die steigenden Kosten vor einer existenziellen Bedrohung. Sie brauchten spürbare finanzielle Entlastung. Kommunen sollten die energiebedingte Schließung von Sportanlagen und Schwimmbädern vermeiden. Die Förderung von Modernisierung und Sanierung von Sportstätten solle nicht nur für kommunale Einrichtungen, sondern auch für Anlagen in Trägerschaft von Vereinen gelten.

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