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Kugelstoßen : Olympia-Zeitreise in die gefühlte Heimat

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Mit dem Kugelstoßen im antiken Olympiastadion auf dem Peloponnes, gut 300 Kilometer von Athen entfernt, pflegen die Griechen ihren kleinen olympischen Anachronismus.

          Falls die Olympischen Spiele, wie die gastgebenden Griechen voller Nationalstolz und ohne Unterlaß hervorheben, jetzt endlich heimgekehrt sind, dann müßte Astrid Kumbernuss gerade zu Hause angekommen sein. Nein, keine Angst, ihr dezimierten und deprimierten deutschen Leichtathleten, nicht in Neubrandenburg. Sie fühlt sich fit für Olympia - in Olympia. Dort, in ihrer gefühlten Heimat, kennt sie allerdings nichts und niemanden. Weder als Touristin, weil eine Hochleistungssportlerin während ihrer Karriere für Bildungsreisen, wie es heutzutage heißt, nur ein ganz schmales Zeitfenster offen hat. Noch als Athletin, obwohl sie eine richtige Olympionikin ist.

          Denn 1996 hat die geschichtsbewußte Astrid Kumbernuss bei den Jahrhundertspielen in Atlanta Gold gewonnen, eine Olympiade später sprang bei den Jahrtausendspielen in Sydney immerhin noch die farbverwandte Bronzemedaille heraus.

          „Ein historischer Augenblick“

          Aber eigentlich müßte sie, untergeschlüpft in den Schlafsälen der Olympischen Akademie, in der Nähe des Heiligen Hains fremdeln: Als Frau, denn Frauen war das Dabeisein zu antiken Zeiten über tausend Jahre lang verboten. Und obendrein als Kugelstoßerin, denn diese Disziplin war nie ins olympische Originalprogramm eingeschlossen. Ganz gleich, ob man das rhythmische Sportfest von einigermaßen unbestrittenen 776 vor Christus bis 393 oder bis 424 nach Christus ansiedelt. Im ersten Fall hätte Theodosius I., im zweiten Fall Theodosius II. den Spielen ein Ende gemacht. Aus diesem Streit machen sich die Historiker einen Sport.

          Astrid Kumbernuss - wie immer vorn dabei

          An solche Männergeschichten verschwendete schon die Athener Organisationschefin Gianna Angelopoulos-Daskalaki keine Gedanken: "Das ist ein historischer Augenblick für die olympische Bewegung." Punkt. Auch Astrid Kumbernuss sieht sich nicht als Geschichtsforscherin. Die 34jährige Mutter der deutschen Leichtathletik-Kompanie hat sich zwar schlau gemacht und weiß, "daß wir überhaupt erst 1948 ins Olympiaprogramm gekommen sind". Aber sie hat beschlossen, im Rückblick nach vorne zu schauen: "Dann muß man eben die Phantasie spielen lassen, wie das dort damals wohl war, noch ohne Kugelstoßen." Damals, vor 2780 Jahren, als alles losging - für die Männer.

          Olympischer Anachronismus

          Frauen durften nicht mal bei der Wiedergeburt der Spiele mitmachen, 1896 in Athen, wo der unverhohlene Macho Pierre de Coubertin sich keine Schwäche für das schöne Geschlecht leisten mochte. Erst 1900 in Paris, der Stadt der Liebe, waren erstmals Frauen gefragt. Wenn auch nur wenige. Wie lange muß das her sein, wo es die Frauen doch inzwischen zahlenmäßig beinahe schon mit den Männern aufnehmen können. Und ihnen als olympische Bühne nur noch der Boxring verschlossen ist.

          Im antiken Olympiastadion auf dem Peloponnes, gut 300 Kilometer von den Spielplätzen in Athen entfernt, pflegen die gefühligen Griechen an diesem Mittwoch mit dem Einzug der Kugelstoßer also ihren kleinen olympischen Anachronismus, bevor die große Leichtathletikfamilie am Freitag die modernisierte Großarena in Athen besetzt. Astrid Kumbernuss vermißt den großen Rahmen nicht, "denn wenn ich eine Medaille gewinne, werde ich dort ja noch einmal geehrt". Rund 60000 Zuschauer im Athener Olympiastadion können es in ihrer modernen Gefühlswelt nicht mit den 15000 Ausflüglern im Originalstadion aufnehmen. Für sie ist die Zeitreise keine Verbannung aus dem olympischen Zentrum, sondern eine Erhebung ins Herz der Spiele: "Das ist ein irres Feeling. Die schauen nämlich nicht irgendwohin, sondern zum Kugelstoßen. Alle. Das werden wir nie wieder kriegen." Auch Nadine Kleinert, die deutsche Kugelstoß-Kollegin von Astrid Kumbernuss, fühlte den Moment, in dem sie in den Ring geht, schon Monate voraus: "Allein bei dem Gedanken daran bekomme ich eine Gänsehaut." Vom Frieren im Rampenlicht der prallen Sonne sicher nicht.

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