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Krise vor Olympia in Rio : Brasilien kann Athleten nicht mehr fördern

  • -Aktualisiert am

Sorgenvoller Blick über die Bucht von Rio de Janeiro: Die Christus-Statue kann auch nicht helfen Bild: dpa

Vor den Olympischen Spielen schlägt die Wirtschaftskrise in Brasilien voll durch: Das Sportministerium kommt wegen akuter Geldprobleme nicht mehr mit den Zahlungen hinterher.

          Das neue Jahr wird schrecklich. So jedenfalls lauten die meisten Prognosen der Wirtschaftsexperten mit Blick auf die schwer angeschlagene brasilianische Ökonomie. Lichtblicke für das gerade angebrochene Olympiajahr? Keine. Der südamerikanische Gigant steckt in einer tiefen Krise, ein Ausweg scheint nicht in Sicht. Die Krise hat inzwischen den brasilianischen Haushalt fest im Griff, die politische Auseinandersetzung um einen Schuldenhaushalt hat Präsidentin Dilma Rousseff in heftige Turbulenzen gestürzt. Und nun, zu Beginn des Olympiajahres von Rio de Janeiro, hat diese Haushaltskrise auch die brasilianischen Sportler erreicht.

          Zumindest jene, die auf die Unterstützung durch das staatliche Förderinstrument „Bolsa Atleta“ angewiesen sind. Wie die Tageszeitung „O Globo“ aus Rio de Janeiro jüngst berichtete, kommt das Sportministerium wegen akuter Geldprobleme nicht mehr mit den Zahlungen hinterher. Nur noch Sportlerinnen und Sportler, die eine realistische Chance haben, überhaupt an Rio 2016 teilzunehmen, und dort auch realistische Medaillen- oder Endkampfchancen besitzen, werden zurzeit in den Zahlungen priorisiert. Der Rest muss warten.

          Wer keinen vielversprechenden Platz in der Weltrangliste hat, schaut in die Röhre. Einige Sportler, so berichtet es „O Globo“, warten bis heute auf bis zu fünf der zwölf monatlichen Zahlungen des gerade abgelaufenen Jahres. Die Rückstände seien enorm. Bogenschütze Bernado Oliveira zum Beispiel habe gerade einmal sieben der zwölf Gehälter erhalten. Als Bronzemedaillengewinner der Panamerikanischen Spiele 2015 erhält er durch „Bolsa Atleta“ monatliche Unterstützungszahlungen von 925 Reais - umgerechnet knapp 200 Euro. Immerhin kann er als Angehöriger der brasilianischen Sicherheitskräfte auf ein staatliches monatliches Salär bauen. Andere Sportler erhalten bis zu 1000 Euro monatlich via „Bolsa Atleta“ - wenn die Unterstützung denn ausgezahlt wird. Das hängt von Sportart und Leistungsbilanz ab. Unterschieden wird in den Kategorien Olympia, Paralympcis und International.

          Bittere Zahlungsausfälle

          Das 2005 von Präsident Lula da Silva aufgelegte Förderprogramm soll vor allem jenen Sportlern helfen, die nicht in finanziell starken Sportarten wie Fußball, Volleyball oder Beachvolleyball engagiert sind. Dazu gehörte bis vor ein paar Jahren auch Handball. Inzwischen aber ist Brasilien zu einer ernstzunehmenden Größe im Welthandball aufgestiegen, die brasilianischen Frauen wurden 2013 sogar Weltmeisterinnen.

          Trotzdem schützt auch das nicht vor den leeren Kassen. Fabiana Carvalho Carneiro Diniz, Spielführerin der Frauen-Nationalmannschaft, die eine der großen Medaillenhoffnungen Brasiliens ist, gehört laut „O Globo“ zu den prominenten Gläubigern der ausstehenden Zahlungen aus dem Förderprogramm. „Cara“ wie die beim deutschen Frauen-Bundesligisten SG BBM Bietigheim unter Vertrag stehende Kreisläuferin in Brasilien gerufen wird, ist damit ganz auf die in Deutschland erworbenen Einkünfte angewiesen.

          Besonders bitter sind die Zahlungsausfälle für die Athleten, die bei den Paralympics antreten sollen. Ein Sportler, der lieber anonym bleiben wollte, vertraute sich „O Globo“ an: Die Zahlungen in den vergangenen Jahren seien völlig chaotisch abgelaufen. Mal seien einige Monate auf einen Schlag bezahlt worden, dann habe es monatelang keinerlei Überweisungen gegeben. Die Folge: Es habe schlichtweg das fest eingeplante Geld gefehlt, um an Wettbewerben teilzunehmen. Die Reisekosten habe er nicht tragen können. Planungssicherheit gebe es mit „Bolsa Atleta“ wegen der chaotischen Zahlungsweise nicht.

          Abstiegsgefahr im Olympia-Land: Brasilien steckt voll in der Krise

          Das Sportministerium leugnet die Zahlungsprobleme nicht. Es werde versucht, einer größtmöglichen Zahl an Sportlern die Unterstützung zukommen zu lassen, heißt es aus der Hauptstadt Brasília. Wie groß die finanziellen Probleme sind, wird bei einem Blick auf die Zahlen deutlich. Die Außenstände für das abgelaufene Jahr 2015 sollen rund 47,9 Millionen Reais (umgerechnet etwa 12 Millionen Euro) betragen. Aber allein der Etat für das Olympiajahr 2016 beträgt für „Bolsa Atleta“ 100 Millionen Reais (23 Millionen Euro) und für das Sonderförderprogramm „Bolsa Podio“, das besonders förderungswürdige Athleten unterstützt, rund 33 Millionen Reais (7,3 Millionen Euro). „Bolsa Podio“ wurde 2012 von der amtierenden Präsidentin Dilma Rousseff ins Leben gerufen - als weiteres Förderinstrument mit Blick auf Rio 2016.

          Den Stolz auf die staatlichen Förderprogramme können die jüngsten Zahlungsprobleme allerdings nichts anhaben. Auf der offiziellen Internetseite des Sportministeriums zu den Spielen in Rio 2016 feiert sich die Behörde selbst: Das Programm - so ist es dort zu lesen - ist das beste individuelle Förderprogramm für Sportler auf dem ganzen Planeten. Von 2005 bis 2013 habe „Bolsa Atleta“ fast eine halbe Milliarde Reais Fördergelder ausgeschüttet. Von anfangs 924 Athleten sei in Zahl inzwischen auf über 6557 im Jahr 2013 angewachsen. Neuere Zahlen gibt es nicht. Wie viele nun auf Geld warten? Nicht nur mit den Zahlungen, auch mit den Statistiken kommt das Sportministerium derzeit nicht hinterher.

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