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Kriminalität im Sport : BKA-Fachmann für die Fifa

Mehr Sicherheit? Türkische Bereitschaftspolizei vor dem Gerichtsgebäude, in dem der Prozess gegen den Präsidenten von Fenerbahce Istanbul und andere verhandelt wird (Foto vom Februar) Bild: AFP

Korruption, Wettbetrug, Doping, Fan-Gewalt und die Terrorgefahr sind Bedrohungen für die bunte Unterhaltungsbranche Sport. Die Fifa holt einen BKA-Direktor, in Qatar ist ein Sicherheitszentrum entstanden. Doch bedeuten mehr Experten auch mehr Sicherheit?

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          Ralf Mutschke verfügt über reichhaltiges Wissen, das auch im Sport gefragter ist denn je. Er ist Spezialist für polizeiliche Aufklärung - noch als leitender Direktor beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Aber schon bald wird sich der 52-Jährige verändern und nach mehr als dreißig Jahren beim BKA, wo er sich mit dem ganzen Spektrum kriminalistischer Ermittlungsarbeit beschäftigt hat, seine Kenntnisse in eine völlig neue Aufgabe einbringen. Von Juni an soll Mutschke eine Sicherheitsabteilung beim Internationalen Fußball-Verband (Fifa) aufbauen. „Die Frage nach seiner Integrität hat den Fußball längst erreicht. Da müssen klare Antworten her. Brennende Themen sehe ich im Kampf gegen Spielmanipulation, Wettbetrug und Korruption“, sagt der zukünftige Sicherheitsdirektor der Fifa.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein Glaubwürdigkeitsproblem hat der reformbedürftige Fußballweltverband allein schon an seiner Spitze mit einigen belasteten führenden Funktionären. Doch das Feld der Verfehlungen und Gefahren ist weit. Besonders die Spielmanipulation gilt als neue Seuche des Fußballs. In Italien wurden gerade wieder zwanzig mutmaßliche Betrüger festgenommen, die Serie-A-Spiele verschoben haben sollen. Zu den Verdächtigen gehört ein Erstligaspieler. Im vergangenen Jahr wurden in 25 europäischen Ländern verdächtige Wetten im Fußball registriert. In Deutschland offenbarte der Prozess vor dem Bochumer Landgericht die hohe kriminelle Energie. Der Sicherheitsexperte Chris Eaton sagt: „Wir befinden uns in einem Krieg.“

          Der Druck auf den ganzen Sport wächst. Sicherheitsfragen erhalten immer mehr Relevanz. Korruption, Wettbetrug, Doping, aber auch Fan-Gewalt und die Terrorgefahr bei Großveranstaltungen sind Bedrohungen für die bunte Unterhaltungsbranche. Die Organisatoren der Spiele in London haben 10.000 Soldaten der britischen Streitkräfte für den Sommer zu Hilfe gerufen - mehr als in Afghanistan Dienst tun. So beginnen die Sportorganisationen angesichts steigender Risiken, sich langfristig mit einer gezielteren Gefahrenabwehr zu beschäftigen. Zugleich entsteht ein neuer, interessanter Markt für Experten. So ist derzeit viel in Bewegung.

          Der BKA-Mann Mutschke folgt bei der Fifa auf den Australier Eaton, der dort nur ein Intermezzo von zwei Jahren gegeben hat. Beide kennen sich von einer gemeinsamen Zeit bei Interpol. Eaton wiederum hat bei einer Privatorganisation in Qatar unterschrieben, die sich weltweit als erster Anbieter von Sicherheits-Know-how im Sport positionieren will. Ein ehemaliges Mitglied aus der qatarischen Militärführung hat das International Center for Sport Security (ICSS) gegründet.

          Geschäftsführender Direktor ist dort Helmut Spahn, der zuletzt Sicherheitschef des Deutschen Fußball-Bundes war und in diesem wichtigen Bereich auch die Verantwortung bei der Fußball-WM 2006 hatte. Spahn, einst Leiter eines Sondereinsatzkommandos der Polizei, sieht von seiner Position aus dem pulsierenden Emirat heraus ganz neue Möglichkeiten. „Bisher war es doch immer so, dass sich bei der Sicherheit im Sport nur etwas bewegte, wenn eine Katastrophe passierte. Wir wollen schon vorab bessere Lösungen anbieten“, sagt Spahn.

          Morde und Bombenattentate

          Das ICSS, das sich als nicht profitorientierte Organisation sieht, scheut keine Mühen - und wohl auch keine Kosten. Angeheuert werden Fachleute aus aller Welt, zudem soll ein globales Netz von Experten als Zuarbeiter gespannt werden. Man hat es geschafft, dass im Aufsichtsrat Leute sitzen wie der Interpol-Präsident Khoo Boon Hui. Beim zweitägigen ICSS-Kongress im März in Doha wies der Mann aus Singapur ganz im Sinne des Gastgebers darauf hin, wie wichtig in Zukunft umfassende Sicherheitskonzepte seien. „Es geht um mehr, als nur eine Sportveranstaltung zu veranstalten“, sagte er.

          Zum Programm des ICSS gehören auch das Training von Sicherheitspersonal und die Aufklärung. „Wir werden aber nicht den Ganoven in der ganzen Welt hinterherjagen und sie dann bei uns einsperren“, sagt Spahn mit einer Portion Humor. Er nennt große Sportverbände wie die Fifa, das Internationale Olympische Komitee oder den Europäischen Fußball-Verband als mögliche Partner. Mit den Ausrichtern der Fußball-WM 2018 in Russland wird zusammengearbeitet. Aber auch mit nicht ganz so großen Organisationen wie dem Internationalen Eishockey-Verband gibt es schon einen Vertrag. Ein fachlicher Austausch findet mit den Sportjuristen der Sorbonne statt, eine Kooperation gibt es mit dem Kölner Institut für Fankultur, das Forschungsprojekte anbietet.

          Die derzeit größte Bedrohung sehen die Experten im Wettbetrug. Eaton rechnet vor, dass mafiose Clans in der ganzen Welt, aber vor allem in Südostasien Milliardensummen mit Spielmanipulationen im Fußball umsetzen. Der Kricket-Sport hat damit schon seit vielen Jahren zu tun. Gangsterkartelle in Indien und Pakistan schrecken hier nicht mal vor Morden und Bombenattentaten zurück.

          Steht das dem Fußball auch noch bevor? Mutschke sieht zumindest die Notwendigkeit einer breiten Allianz. „Um den GAU zu verhindern, brauchen wir neben dem Schulterschluss mit den Sicherheitsbehörden eine engere Zusammenarbeit mit den Nationalverbänden“, sagt er. Die weiteren Inhalte seines Programms will der BKA-Mann aber erst nach Dienstantritt bei der Fifa bekanntgeben. Dass die verschiedenen Vorstöße wirklich am Ende zu mehr Sicherheit und Sauberkeit im Sport führen, hängt auch davon ab, ob die Funktionäre das geballte Expertenwissen nicht nur als Feigenblatt missbrauchen.

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