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Halbierte Strafe für Russland : Pointen für Putin

Nicht erlaubt: Russische Flagge bei Olympia Bild: dpa

Keine Hymne, keine Flagge, keine russischen Mannschaften in den kommenden zwei Jahren. Aber sehr wohl russische Sportler. Und das Cas-Urteil hält noch weitere Schlupflöcher offen.

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          Doch, es werden russische Sportler dabei sein: Im kommenden Sommer in Tokio bei den Olympischen Sommerspielen, sofern die Pandemie eine Austragung zulässt. Bei den Winterspielen in Peking ein paar Monate später, im Februar 2022. Und, Qualifikation vorausgesetzt, bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Qatar. Aber sie dürfen nicht für Russland starten.

          Keine Hymne, keine Flagge, jeder russische Sportler, dem nicht nachgewiesen wird, Teil des staatlichen Doping-Systems gewesen zu sein, muss bei den bedeutendsten Sportereignissen der Welt explizit als neutraler Athlet gekennzeichnet an den Start gehen. Und Repräsentanten der Russischen Föderation, von Putin abwärts, haben formal Olympia-Verbot. Das haben die drei Schiedsrichter des Internationalen Sportschiedsgerichts Cas entschieden, in ihrem 186 Seiten umfassenden Urteil zum russischen Doping-Betrug. Und haben damit das von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vorgesehene Strafmaß von vier Jahren halbiert, was den Verzicht auf Flagge und Hymne angeht.

          In weiteren Details waren die Schiedsrichter noch nachsichtiger. Bis einschließlich 2032 sollte Russland explizit als Gastgeber Olympischer Spiele ausgeschlossen sein, hatte die Wada entschieden. Im Urteil vom Donnerstag heißt es, bis zum 16. Dezember 2022 dürfe Russland sich nicht um Olympische Spiele und Weltmeisterschaften bewerben und keine derartige Veranstaltung zugesprochen bekommen.

          Warum? Diese Frage ist einstweilen nicht zu beantworten, sie wird es womöglich nie sein. Denn: Die Verhandlung im November war nicht öffentlich, die 186 Seiten Entscheidung, heißt es in der Mitteilung vom Donnerstag, „könnte nach Rücksprache mit den Parteien veröffentlicht werden“. Kein Wunder, dass Jim Walden, Anwalt des früheren Moskauer Laborleiters, Doping-Architekten und im amerikanischen Zeugenschutz lebenden Kronzeugen Grigorij Rodtschenkow, nach der Bekanntgabe der Entscheidung von „Nonsens“ spricht. „Eine sowieso schon eingeschränkte Sperre wurde nur dem Namen nach aufrechterhalten“, schreibt Walden – und hat recht. Etliche Athletenorganisationen und nationale Anti-Doping-Organisationen hatten sich für den fortgesetzten Betrug bis in den Januar 2019 hinein einen Ausschluss ohne Wenn und Aber gewünscht.

          Wen soll überzeugen, dass die Fußball-Nationalmannschaft im kommenden Sommer in Sankt Petersburg als EM-Gastgeber aufspielt, so Corona das zulässt, sich dann durch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Qatar kickt, um kurz vor Ablauf der Strafe im Emirat ins Büßergewand zu schlüpfen? Die EM, über den ganzen Kontinent verteilt, weil sie sich ob ihres Umfangs kein einzelner Ausrichter fand, von Milliarden weltweit verfolgt, ist nach Wada- wie Cas-Diktion kein Sportgroßereignis. Eine besondere Pointe wäre es, würden die neutralen Kicker russischen Ursprungs in Qatar das Finale erreichen, das am 18. Dezember 2022 ausgespielt wird. Russland wäre zurück im Spiel.

          Die Sanktionen, heißt es vom Cas, spiegelten die Natur und Ernsthaftigkeit der Verstöße wider und würden ausgesprochen, um die „Integrität des Sports gegen die Geißel des Dopings aufrechtzuerhalten“. Die Reduzierung der Strafe solle nicht als Validierung des russischen Verhaltens angesehen werden, es gehe um die Verhältnismäßigkeit und darum, einen Kulturwandel herbeizuführen, die „nächste Generation russischer Sportler zu ermutigen, an sauberen internationalen Sportereignissen teilzunehmen“. Das ist, angesichts des in der Pandemie heruntergefahren Kontrollsystems, noch eine ganz besondere Pointe der Schiedsrichter.

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