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Sport-Kommentar : Generation Cyborgs

  • -Aktualisiert am

Ist das noch Sport? Bild: AFP

Visionäre mögen Gefallen finden an einer Mixtur aus Fleisch und Technik. Doch nur wer seine Unvollkommenheit akzeptiert, kann Momente des Glücks im Sport entdecken.

          Warum so kleingeistig? Warum nicht gleich über das neue Jahr hinausschauen in die große Zukunft des Sports? Angeblich braucht man dazu keine Glaskugel, nur einen Blick für die Moderne und ein Faible für die Magie des Wandels. Immer nur im Alten verharren, Laufen, Springen, Schwimmen predigen als die Kernelemente dessen, was den kleinen wie manchen großen Menschen Freude macht – das ist eine ewige Litanei, langweilig, ermüdend wie der ständig erneuerte Vorsatz zum 31. Dezember: Nächstes Jahr wird alles anders.

          Vielleicht nicht schon 2019. Aber Botschafter des großen Aufbruchs in andere Zeiten sind längst auf Dauerfeuer gepolt. Sie erklären wortgewaltig das stundenlange Ballern am Bildschirm aus automatischen Waffen auf den Gegenspieler (?) zum sogenannten E-Sport und den munter durchladenden, Handgranaten werfenden Söldner der Unterhaltungsindustrie zum Sportstar. Warum nicht? Der Sport ist weder präzise definiert noch geschützt, ja nicht mal bedingungslos bereit, sich wirkungsvoll zu schützen, wie all die Betrügereien von Verbandsgranden in der Doping-Geschichte belegen. Und so braucht man kein Hellseher zu sein, um den Apologeten der Cyborg-Wettkämpfe folgen zu können. Sie behaupten, die Entmenschlichung des Sports sei unaufhaltbar.

          Ist das so irreal? Der Formel 1 als eine Art Versuchslabor für die Vermischung von Mensch und Technik im Sport werfen sogar Insider vor, von Computern und Softwareentwicklern dominiert zu sein. Der „gläserne“, weil ständig überwachte Fahrer ist längst präsent. In Zukunft droht ihm eine noch detailliertere Durchleuchtung. Künstliche Intelligenz wird peu à peu das Optimierungsprogramm auch für Athleten anderer Sportarten übernehmen und – wie der Wirtschaftswissenschaftler und Sportexperte Professor Sascha L. Schmidt in der „Bild am Sonntag“ vorhersagte – den „Trainer“, den leibhaftigen Zampano in der Coaching-Zone, ersetzen. Vor diesem Hintergrund bekommt der Laptop-Trainer eine ganz neue Bedeutung.

          Aber das soll erst der Anfang einer Bewegung sein, die mit dem vergleichsweise grobschlächtigen Tuning von Muskeln und Blut im vergangenen Jahrhundert begonnen hat. Vor Jahrzehnten schon machte sich ein Hochspringer in Deutschland darüber Gedanken, ein Knöchelchen aus seinem Fuß herausnehmen zu lassen, um noch höher hinaus kommen zu können. Der seit ein paar Jahren schwelende Streit um den angeblichen Vorteil einer Prothese zumindest im Wettkampf deutet den Anfang eines neuen Athletenbildes an. Die zunehmende Entwicklungsgeschwindigkeit könnte den Olympioniken der Zukunft mit einem „Werkzeugkasten“ ausrüsten, dessen Inhalt weit über mechanische Hilfsmittel hinausreicht. Dann erobern Cyborgs die Arenen, eine Mixtur aus Fleisch und Technik, schneller und stärker als jedes Rekord-Menschlein.

          In der Kick-Konsum-Gesellschaft der Gegenwart mögen diese Sport-Visionen Anklang finden. Weil sie die Lust des Menschen an der Sensation beflügeln. Acht Sekunden nur über 100 Meter; mit einem Satz zehn überspringen, und der Speer landet auf der Wiese vor dem Stadion, während sich der Delphin-Sprinter aus dem Wasser hebt, als treibe ihn ein Außenborder an.

          Da wird man erst hinschauen und sich dann noch mehr als heute streiten, ob das Zirkus oder noch der geliebte Sport ist: sich zu bewegen, das Beste aus dem zu machen, was dem Mängelwesen Mensch mitgegeben ist, und sich zu messen. Liebhaber werden schwärmen von dem Augenblick, aus eigener Kraft einen Berg erklommen, einen Fluss durchschwommen, den ersten Marathon absolviert oder endlich das langersehnte erste Tor geschossen zu haben. Wer seine Unvollkommenheit grundsätzlich akzeptiert, wird diese Momente des Glücks entdecken.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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