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Kommentar : Großer Sport in falschen Händen

  • -Aktualisiert am

Wie ist die radikale Erfolgsformel „Geld für Gold“ zu verstehen? Bild: Picture-Alliance

Große Sportverbände wie Fifa und IOC sind an wirtschaftlichem Erfolg interessiert. Rücksicht auf Athleten und Sportenthusiasten nehmen sie nicht. In Deutschland kam Hilfe von der Politik – zunächst.

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          Über Jahrzehnte haben Sportfunktionäre vor der Instrumentalisierung des Sports durch die Politik gewarnt. Sie verwiesen auf die Spiele der Nazis 1936, auf die Boykotte der Olympischen Spiele 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles. Allen voran klagte der heutige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, über diesen unseligen Einfluss von Regierungen auf seinen doch so schönen, so völkerverbindenden Sport.

          So wie er ist kaum je ein IOC-Präsident und mit ihm die olympische Bewegung gedemütigt worden. Das hat Bach im Sommer und nun Anfang Dezember noch einmal nachlesen können in dem Bericht des kanadischen Juristen McLaren: Während der IOC-Chef Russlands Staatspräsident Putin auf der Ehrentribüne von Sotschi hofierte, inszenierten Sportministerium, Anti-Doping-Labor und Geheimdienst das Finale eines fünfjährigen Kriminalstücks mit gedopten Athleten. Es war der bislang größte (bekannte) Verrat an den Werten des Sports seit der Aufdeckung des menschenverachtenden Zwangsdopings in der DDR. Damals wie heute planten Regierungen, ihre Selbstdarstellung mit einem Sprung an die Spitze des inoffiziellen Medaillenspiegels zu vergolden. Die Politik hat den Sport in schändlicher Weise benutzt.

          Wie reagiert man als Repräsentant dieses Sports auf diese Vergewaltigung? Bach empfand eine „innere Wut“, handelte aber kühl kalkulierend. Obwohl das perfide Staatsdoping schon vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro bekanntgeworden war, entschlossen sich nur der Internationale Leichtathletik-Verband und das Paralympische Komitee, die russische Mannschaft komplett auszuschließen. Das IOC setzte eine Einzelfallprüfung an und delegierte diese Aufgabe an teils überforderte, teils desinteressierte Fachverbände. Wer dokumentiert schon gerne ein Doping-Problem in seinem Sport?

          Also traten 270 russische Sportler in Rio an, gegen den Willen namhafter Anti-Doping-Agenturen. Sie wussten, dass es über Jahre kein funktionierendes Kontrollsystem gegeben hatte. So durften Russen mit allem einmarschieren, was ihnen heilig ist, ihre Staatsflagge voranschwenkend. Dieses Signal hat die Glaubwürdigkeit des organisierten Sports noch mehr erschüttert als der Betrug an sich: Denn Staatsdoping hat, sieht man von der Ausladung des Sportministers und seiner Lakaien ab, auf olympischer Ebene offenbar keine Folgen für ein Land - wenn es die Größe und die Bedeutung Russlands hat.

          Es ist also verständlich, dass die Bürger Sportfunktionären nicht mehr über den Weg trauen. Nicht einmal jeder Fünfte stimmte in einer repräsentativen Studie der Deutschen Sporthochschule Köln der These zu, internationale Sportführer seien integer. Zu dieser Wahrnehmung haben auch der Korruptionsskandal des Weltfußballverbandes Fifa und die immer noch unaufgeklärte DFB-Affäre rund um die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 beigetragen.

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          Verstärkt wird die Skepsis etwa durch groteske Entscheidungen des Fußballs, an Weltmeisterschaften wie in Qatar festzuhalten, oder die Absicht, das WM-Turnier des Jahres 2026 mit 48 Teilnehmern auszutragen. Hinter dem Trend, Sportfeste von Despoten finanzieren zu lassen, stehen allein machtpolitische Interessen und die deckungsgleiche Ausrichtung von Fifa wie IOC an wirtschaftlichem Erfolg - ohne Rücksicht auf Athleten und Sportenthusiasten. Der große Sport ist in falsche Hände geraten.

          In Deutschland kam Hilfe von der Politik - zunächst. Sie schien zumindest ein Feingefühl für die Bedrohung des Spitzensports entwickelt zu haben. Gegen den Widerstand der Sportfunktionäre setzte die Bundesregierung Ende 2015 das weltweit schärfste Anti-Doping-Gesetz durch. Seit einem Jahr ist Dopen eine Straftat in diesem Land: Klarer kann sich eine Regierung kaum positionieren. Und doch hat sie nur neun Monate später alles auf den Kopf gestellt.

          Das neue, zusammen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) entwickelte Konzept für den Spitzensport orientiert sich allein an dem Ziel, im Medaillenspiegel Olympischer Spiele wieder nach oben zu klettern. Deshalb werden in Zukunft vorwiegend Siegkandidaten mit Steuergeldern gefördert. Leistung muss sein, keine Frage. Was aber sagt diese kompromisslose Sportpolitik sauberen oder zumindest gutwilligen Athleten in Sportarten, die mit Doping verseucht sind? Sollen die Gewichtheber ihre Hanteln fallen lassen? Oder die radikale Erfolgsformel „Geld für Gold“ dahin gehend verstehen, sich nicht von Staatsanwälten erwischen zu lassen?

          Mit keinem Wort wird in dem neuen Konzept dem Dilemma Rechnung getragen, dass das Manipulationssystem nicht auf Russland beschränkt ist. Anstatt den Sportlern und der sich distanzierenden Gesellschaft Lösungen anzubieten, hat die DOSB-Führung ihre Vorstellung durchgepeitscht. Gar unter dem Druck des Geldgebers, des Bundesinnenministeriums? „Der Sport“, sagte der ehemalige Automobilmanager und frühere Spitzensportfunktionär Hans Wilhelm Gäb jüngst mit Blick auf das IOC, „hat seine moralische Instanz verloren.“ Was nutzen ihm dann seine Milliarden?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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