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Matthias Rüb (rüb)

Italiens Sportjahr : Der schöne blaue Sommer

  • -Aktualisiert am

Italien hat sich erhoben: Im Sport zuerst, wie hier als Volleyball-Europameister. Und dann als Nation. Bild: EPA

Der andauernde wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisenzustand haben Italien arg gebeutelt. Der Sport sorgt nun für Aufbruchstimmung in der stolzen Nation.

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          Die Berichterstattung zum Sport fand in Italiens Zeitungen in diesem Sommer häufig auf den Titelseiten statt. Gerne mit großem Foto und fetter Überschrift. Und die Sportteile quollen über. Nicht nur wegen der überaus ausführlichen Nachrichten, Analysen, Reportagen zu den Wettbewerben. Auch die „human touch stories“ über die Sieger brauchten Platz. Und Sieger gab es viele. Fast nur Sieger.

          Es begann mit dem Triumph der Squadra Azzurra bei der Fußball-EM. Der Finalsieg von Wembley über die eigentlich favorisierten Engländer, zumal in deren Kathedrale des Fußballs, war schon im Juli der höchste aller Höhepunkte. Italien hat bekanntlich zwei Religionen, das Christentum und den Calcio. Den Papst als Dauerweltmeister des Katholizismus kann den Italienern keiner nehmen. Auch wenn der, was in letzter Zeit öfter vorkommt, Ausländer ist. Der Vatikan aber bleibt in Rom, basta. Doch die Mitra im Calcio, wie die Italiener den Fußball nennen, will immer wieder erkämpft werden. Das schmachvolle Verpassen der WM-Endrunde von Russland 2018 war einer Exkommunikation aus der Weltkirche des Fußballs gleichgekommen. Mit dem Sieg von London kehrte Italien ins Sanctum Sanctorum des Spiels zurück. Und wie: mit dem schönsten Fußball unter dem schönsten Nationaltrainer.

          Dann kamen die Olympischen Sommerspiele in Tokio. Dort wurde Marcell Jacobs, in der Nachfolge des legendären Usain Bolt, zum „schnellsten Mann der Welt“. Jacobs gewann nicht nur den 100-Meter-Sprint, er führte auch die 100-Meter-Staffel zu Gold. Und die Italiener holten so viele Medaillen wie noch nie bei Olympia. Die gleiche Erfolgsgeschichte bei den Paralympics. Die Rekordzahl an Medaillen wurde gekrönt vom famosen Dreifachsieg der Italienerinnen im 100-Meter-Lauf. Schon wird dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees eine politische Karriere nahegelegt.

          An den vergangenen Wochenenden holten nun zuerst die Frauen und dann die Männer den EM-Titel im Volleyball, während Filippo Ganna bei der Straßenrad-WM in Brügge seinen Titel im Einzelzeitfahren verteidigte. Die Tageszeitung La Repubblica stellte am Montag treffend fest: Die „bella estate azzurra“, jener im schönen Azurblau des italienischen Nationaltrikots leuchtende Sommer, nehme gar kein Ende. Zum Glück. Und fragte, wie ein seit fast zwei Jahrzehnten im wirtschaftlich-gesellschaftlichen Krisenzustand gefangenes Land denn zu solchen Spitzenleistungen in der Lage sein könne.

          Damit bringt das Blatt den gegenwärtigen Seelenzustand Italiens auf den Punkt. Der Sport lebt die Sehnsucht und den Willen der ganzen Nation zum Befreiungsschlag vor. Diese Nation, so will es das Selbstbild der Italiener, ist immer dann zum Größten in der Lage, wenn sie zuvor das Schlimmste durchlebt hat. Vor eineinhalb Jahren sangen die Italiener, eingesperrt im Lockdown jener Pandemie, von der Italien so früh und so heftig getroffen worden war wie kein anderes Land in Europa, ihre Hymne von den „Fratelli d’Italia“ von den Balkonen. Um sich gegenseitig Mut zu machen im Augenblick der tiefsten Not.

          Jetzt singen sie wieder ihre Hymne von den tapferen „Brüdern Italiens“: auf dem Rasen, in den Hallen, in den Stadien. „L’Italia s’è desta“ lautet der zweite Vers der Hymne: „Italien hat sich erhoben“. Im Sport zuerst, so lautet das Narrativ im „schönen blauen Sommer“ 2021. Und dann als Nation.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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