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Kommentar : Zorn auf die Zyniker

Vorbereitet zum Protest: In Brasilien gehen die Menschen mit Masken auf die Straße Bild: AFP

Um eine Fußball-WM oder Olympia den Menschen nahezubringen, ist mehr nötig, als sich von Ölscheichs, Despoten und Neureichen aushalten zu lassen. Die Fifa und das IOC benötigen ein neues Konzept mit Bodenhaftung.

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          Qatar und Sotschi hielt man bisher für die jüngsten Symbole der fragwürdigen Praxis, mit der die größten Verbände der Welt ihre bedeutendsten Sportereignisse vergeben: vom Geld motiviert, uninteressiert an den Interessen der Bevölkerung und der Athleten. Warum sonst würde der Internationale Fußballverband (Fifa) seinen Besten zumuten, die WM im Hochsommer 2022 am Persischen Golf auszutragen, wenn die Temperaturen dort den Aufenthalt im Freien zur Qual machen?

          Warum trägt das Internationale Olympische Komitee seine Winterspiele 2014 in Sotschi aus, dem Nizza des Schwarzen Meeres mit einer von Palmen gesäumten Seepromenade? Nun zürnt das Volk in Brasilien, ausgerechnet in dem Land, das Fußball lebt, das die Welt mit einem nicht abreißenden Strom von Profis versorgt und das die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr und die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 zu einer mitreißenden Feier seines wirtschaftlichen Aufschwungs zu machen versprach.

          Doch Ernüchterung kam vor dem Rausch. Hunderttausende demonstrieren, dass sie mitspielen wollen, wenn es um die Gestaltung ihres Landes geht, dessen Wirtschaft schneller wächst als die Infrastruktur - und das sich zutrauen soll, innerhalb von zwei Jahren Fußball-WM und Olympische Sommerspiele auszurichten.

          Unter brasilianischen Flaggen und in Nationaltrikots protestieren sie dagegen, ihr Recht auf ein funktionierendes Gesundheitswesen, auf Schulen für ihre Kinder und auf verlässliche Bus- und Bahnverbindungen dafür zu opfern, dass halbseidene Bauunternehmer mit Abermillionen aus der Staatskasse sieben Fußballstadien neu und weitere fünf umbauen, darunter das Maracanã in Rio de Janeiro. Sie machen kein Hehl daraus, dass sie ihre Politiker für inkompetent und korrupt halten - und Joseph Blatter, den Präsidenten der Fifa, nicht nur für deren Geschäftspartner, sondern für einen Komplizen.

          Wie weggeworfene Geschenkverpackungen

          Das ist eine Gefahr für Fifa wie fürs IOC: dass die Sportfreunde der Welt das Gefühl bekommen, dass sie mit WM und Olympia nicht belohnt werden, sondern sie dafür ausgebeutet werden. Sie wissen, dass sie die Bühne bereiten, doch draußen stehen werden, sobald die Spiele beginnen. Welcher Normalverdiener wird sich eine Eintrittskarte für die WM 2014 oder Olympia 2016 leisten können, ganz zu schweigen von Tickets für die Familie?

          WM und Olympia sind Feste, nach denen der Gastgeber, je nach Vorbereitung, allerhand wegräumen und wegwerfen muss - nicht jedes Land hat eine Bundesliga, die mühelos zwölf modernisierte Stadien der WM 2006 bespielt. London 2012 machte ein Konzept daraus und hat viele Anlagen abgetragen; der Abriss des Olympiastadions, das als Fußballarena wiederkommen soll, beginnt im Herbst. In Südafrika liegen Stadien wie weggeworfene Geschenkverpackungen der großen afrikanischen Fußballfeier WM 2010 herum - und jeder Steuerzahler kann sich ausrechnen, wie groß sein Anteil an den Kosten der inzwischen überwiegend nutzlosen Bauten ist.

          Fifa und IOC brauchen Bodenhaftung

          Athen leistete sich mit den Spielen 2004 und dem Neubau von Olympia-Stadion, U-Bahn und Flughafen ein Prestigeprojekt, das die Griechen bis heute teuer bezahlen. Die Gastgeber der Spiele 2008 müssen zu ihrem Glück nicht Rechenschaft ablegen über Kosten und Nutzen ihrer Sommerspiele, seit denen in Peking das berühmte Vogelnest herumsteht - fast immer leer.

          Um Fußball und Olympische Spiele den Menschen nahezubringen, um alle vier Jahre einen sportlichen Höhepunkt zu ermöglichen, ist mehr nötig, als sich von Ölscheichs, Despoten und Neureichen aushalten zu lassen. Die Verantwortung von Fifa und olympischer Bewegung für gute - das heißt auch: verantwortbare - Spiele endet nicht mit Endspiel und Schlussfeier. Die beiden Riesenverbände benötigen ein Konzept für finanzierbare und nachhaltige Großereignisse. Sie dürfen sich nicht verwechselbar machen mit denen, die das Image des Sports in teuren Sponsoringpaketen erwerben: Unternehmen, die weltweit um ihren Profit kämpfen. Fifa und IOC brauchen für die Zukunft ihrer Veranstaltungen das, was jeder Athlet in Bewegung benötigt: Bodenhaftung.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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