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Kommentar : Postsache Pechstein

Nicht perfekte Vorkämpferin: Claudia Pechstein Bild: dpa

Claudia Pechstein sorgt mit einer Unterschriftenaktion für Aufsehen. Die Rechte von Sportlern kollidieren tatsächlich mit den Grundrechten. Aber Claudia Pechstein ist nicht die geeignete Vorkämpferin.

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          Überraschung im Briefkasten: Claudia Pechstein hat geschrieben, an Freunde, Kollegen, Konkurrenten. Und die Eisschnellläuferin hat Antworten bekommen, und zwar rasche. Unterstützung unter Spitzenathleten für Claudia Pechsteins Schadensersatzprozess gegen die Internationale Eisschnelllauf-Union und die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft. Bis Mitte November müssen die Parteien Argumente vorbringen, und Pechstein will darlegen, wie ungerecht das Sportrecht mit Sportlern in aller Welt umspringt. Wer helfen will, dem hat es Pechstein leicht gemacht: Vordruck unterschreiben - und ab die Post. Frei nach dem Motto: Ich fühle mich ungerecht behandelt, und schönen Dank, Frau Pechstein, dass Sie mich darauf hinweisen.

          Pechsteins Annahme, erst ihr außergewöhnlicher Fall öffne Sportlern die Augen, welchem Regime sie sich einst unterwarfen, um bei Wettkämpfen an den Start gehen zu können, klingt zwar durchaus anmaßend, trotzdem hat sie bislang fast 50 Antworten erhalten. Die Berlinerin bringt (entgegen ihrer eigenen Ansicht übrigens längst nicht als Erste) zum Ausdruck, dass es im Spannungsfeld zwischen den Grundrechten der Sportler und der Gestaltung des Sportrechts durch die Sportverbände durchaus nicht immer fair zugeht. Denn die Sportler sitzen tatsächlich am kürzeren Hebel.

          Sie müssen wohl oder übel Zumutungen über sich ergehen lassen, angefangen beim Anti-Doping-Meldesystem Adams, das tatsächlich ein Aufenthaltsortskontrollsystem ist und den Sportlern Meldepflichten auferlegt, die andere Arbeitnehmer mit guten Gründen niemals akzeptieren würden - obwohl Experten die Effektivität der Doping-Bekämpfung durch die Verbände seit Jahren kritisieren. Und sie verpflichten sich, in Streitfällen vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas zu ziehen, der neben vielen Stärken auch die Schwäche hat, dass seine Schiedsrichter nicht frei zu wählen sind, sondern von den Sportorganisationen vorgeschlagen werden.

          Es gibt Anwälte, die sich Sportler mit Pechsteins Kampfgeist, aber ohne ihre vom Cas bestätigte Doping-Sperre wünschen, um das System vor einem ordentlichen Gericht auf seine Schwächen abzuklopfen. Denn Pechstein zieht mit einem Nachteil in ihren Prozess: Sie hat alle sportrechtlichen Instanzen durchgefochten, bevor sie sich ob der von ihr als ungerecht empfundenen Urteile ans Münchner Landgericht wandte. Daran ändern auch fast 50 solidarische Unterschriften nichts.

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