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Kommentar : Die olympische Funzel

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In diesen dunklen Tagen, da man Kerzen entzünden muß, um nicht gänzlich einzutrüben, schickt der Sport uns ein Licht. Oder doch wenigstens die Vorstellung davon: Die olympische Flamme wird bald wieder unterwegs sein.

          In diesen dunklen Tagen, da man Kerzen entzünden muß, um nicht gänzlich einzutrüben, schickt der Sport uns ein Licht. Oder doch wenigstens die Vorstellung davon: Die olympische Flamme wird bald wieder unterwegs sein. Nur noch ein Jahr müssen wir warten, dann trifft der schöne Schein aus dem antiken Olympia in Italien ein, und das große Illusionstheater öffnet ganz langsam den Vorhang zum nächsten Akt. Es wird Winter sein, und in Turin und Umgebung wird man schon emsig die Pisten präparieren und auf Eismaschinen herumkurven für die Spiele 2006. 363mal müssen wir noch wach werden: Dann tragen begeisterte Menschen wieder die Fackel durch ein Land, mehr als 11 000 Kilometer weit, von den süditalienischen Palmen bis in den eisigen Norden, Mensch und Tier, Groß und Klein, Läufer und Rollstuhlfahrer werden mit strahlenden Augen vom großen Mythos Olympia zehren - und der Weihnachtsmann wird freundlich dazu nicken.

          Ja, ja, der Weihnachtsmann. Leider hat uns gerade ein kalifornischer Neo-Frankenstein namens Victor Conte erklärt, den Weihnachtsmann gäbe es gar nicht und den Osterhasen auch nicht. Womit er illustrieren wollte, daß das Licht, das die olympische Bewegung aussendet, nur noch eine trübe Funzel ist, die nicht etwa die menschlichen Seelen erhellt, sondern ein marodes und moralisch verfallenes System des Betrugs und der kriminellen Machenschaften beleuchtet. Die Nachrichten sind erschütternd. Die Empörung allerdings über Menschen, die sich selbst giftige Spritzen setzen, die ihre Gesundheit und ihre persönliche Integrität für Medaillen verpfänden, ist nicht zu vergleichen mit dem Aufschrei vor sechzehn Jahren, als der kanadische Sprinter Ben Johnson wegen Dopings seine Goldmedaille von Seoul verlor.

          Was zeigt: Conte konnte nicht mehr viel enthüllen. An den Weihnachtsmann glaubte sowieso niemand mehr. Und schon gar nicht daran, daß die braven Kinder immer die schönsten Geschenke bekommen. Nehmen wir nur einmal Marion Jones, von der Victor Conte behauptet, er habe sie schon vor Sydney mit hochwirksamen Dopingsubstanzen beliefert. Sollte sie am Ende eines langen Verfahrens wirklich ihre Medaillen verlieren, träte die Absurdität der Lage erst recht zutage: Auf den Platz der Olympiasiegerin im 100-Meter-Sprint von Sydney rückte nach: die Griechin Ekaterini Thanou, die Frau, die Dopingfahnder nur flüchtig kennen.

          Ach, Olympia. Vielleicht kommt jede Hilfe zu spät. Ein Blick ins traute Kinderzimmer aber zeigt: Die Weihnachtsmänner werden in Ehren gehalten, auch wenn niemand mehr an sie glaubt. Und wer weiß: Vielleicht ist der saubere Olympiasieger längst den gleichen Weg gegangen.

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