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Kinofilm „Dirty Games“ : Tödliche Gier in der Welt des Sports

Abschied von einem Gastarbeiter: Bahadur Danuwar wird in der Nähe seines Heimatortes bestattet. Bild: W-film / Benjamin Best Productions

Der Kinofilm „Dirty Games“ beleuchtet, was der nimmersatte Profisport am liebsten ausblenden würde: seine dunklen und schmutzigen Seiten. Dabei hat der Film eine besondere Stärke.

          5 Min.

          Es schüttet aus Kübeln in Kathmandu, als auf der Landebahn des Tribhuvan International Airport eine Maschine der Qatar Airways aufsetzt. Die Landelichter der Boeing 777 machen aus der Gischt, die von den Triebwerken aufgewirbelt wird, einen nassen Nebel. Das Rot des Positionslichts zerreißt das Dunkel der Nacht. Ein Vater erwartet seinen Sohn, der heimkommt aus Qatar. Als der kleine Pick-up den Flughafen verlässt, liegt der Sohn auf der Ladefläche. In einem Sarg aus dünnen Spanholzplatten. „Wahrscheinlich ist das unser Schicksal“, sagt der Vater.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Die Rückführung von Bahadur Danuwar leitet „Dirty Games“ ein, der Dokumentation von Benjamin Best, die an diesem Donnerstag in die Kinos kommt. „Eine Reise zu den Abgründen des Sports“ heißt es im Untertitel des Neunzigminüters, aber eigentlich führt das ein bisschen in die Irre. Denn die Reise dieses Films führt nicht in Abgründe, für deren Ansicht man sich auf eine Expedition begeben müsste.

          Im Gegenteil: Der Film führt mitten hinein in Gesellschaften, die mit den Auswirkungen leben müssen, die der nimmersatte Industriezweig Profisport hinterlässt auf seinem Zug über alle Kontinente. Längst weiß alle Welt, welche tödlichen Folgen des kleinen Emirats Qatars Drang nach globaler Geltung hat. Wie trefflich eine Gier die andere ergänzt: das Profitstreben der großen Baukonzerne in Nordamerika, Europa, China zum Beispiel - und die Raffsucht der Funktionäre des Internationalen Fußballverbands und anderer Sportfürsten natürlich. Und so werden Tausende Särge ausgeflogen, von Doha nach Kathmandu, nach Colombo und Dhaka.

          In jedem einzelnen liegt ein Mensch mit dem gleichen Schicksal wie Bahadur Danuwar: nach Qatar gekommen in der Hoffnung, Geld zu verdienen für sich, vor allem aber für die Familie daheim. In Qatar geblieben, schon weil die Bindung an den Willen des Arbeitgebers, das Kafala-System, nichts anderes zulässt. In Qatar gestorben, im Schlaf vielleicht, wie es Danuawars Totenschein besagt (er wurde 28 Jahre alt) oder auf einer Baustelle in der Hitze Arabiens.

          Mindestens 77.000 Menschen umgesiedelt

          „Dirty Games“ zeigt also nichts eigentlich Neues, deckt nichts auf, enthüllt nichts. Auch nicht in Brasilien, jenem Land, das belegt, wie simpel es ist, auch in demokratischen Strukturen Existenzen zu vernichten, wenn die Veranstalter von Megasportevents der Meinung sind, es müsse sein. Und genau das ist die Stärke dieses Films. Er heischt nicht nach der Schlagzeile, zeigt stattdessen die alltäglich gewordene Perversion, den ständigen Rechtsbruch. 77.000 Menschen sind für die Olympischen Spiele umgesiedelt worden, die im August in Rio de Janeiro beginnen werden, hatte Rios Bürgermeister Eduardo Paes im Juli 2015 bekanntgegeben.

          Die Zahl dürfte seither noch gestiegen sein. Die verbliebenen Menschen in der Vila Autodromo beispielsweise, jener kleinen, ruhigen Favela, deren Bewohnern einst ein 100-jähriges Wohnrecht zugesprochen worden war, dessen Wert Paes und die Organisatoren der Spiele mit Polizeiknüppeln niederprügeln ließ, bis nahezu alle Bewohner aufgaben. Und während die Olympia-Stätten bereits im Winter bildmächtig und großflächig von Menschen in gelben Schutzanzügen mit Insektenvernichter besprüht wurden im Kampf gegen die Mücken, die das Zika-Virus übertragen, wurde die Favela wie zufällig ausgespart. Die Mücken in den Pfützen der vor die Tür gesetzten Halden der Olympia-Baustellen vermehrten sich ungestört.

          Zum Heulen: Marcio Henrique auf den Ruinen seines Hauses in der Vila Autodromo. Bilderstrecke
          Zum Heulen: Marcio Henrique auf den Ruinen seines Hauses in der Vila Autodromo. :

          Von einst 700 Familien harren 20 gleichwohl weiterhin aus, sie haben inzwischen ein kleines Museum der Vertreibung angelegt, es wurde Mitte Mai eröffnet. Die Stadt will ihnen nun neue Häuser bauen, Hunderte der Bäume in der Umgebung aber werden fallen, denn wo einst die Vila Autodromo stand, soll nach Olympia ein Neubaugebiet entstehen. Paes plant seine Stadt neu, und wer die Sportverbände kennt, kann sich vorstellen, welche Haltung das Internationale Olympische Komitee zur Vila Autodromo hat: Nicht unsere Zuständigkeit. Die Bewohner sehen das anders. Lavajato Olimpico steht an einer stehen gebliebenen Wand, Olympische Waschanlage. Eine Anspielung auf die „Operação Lava Jato“, die Operation Waschanlage, in der die brasilianische Bundespolizei die korrupten Wirtschafts- und Politeliten des Landes untersucht.

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