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Kindesmissbrauch im Sport : Nähe und Verletzlichkeit

Gefahr auch im Sport: Missbrauch von Kindern und Jugendlichen Bild: dpa

Der Sport ist ein gefährdetes Feld: Unter Athletinnen und Athleten in den Auswahlen des deutschen Sports hat jeder Dritte sich als Objekt sexuellen Missbrauchs erlebt. Diesen mit Mord gleichzusetzen, ist jedoch keine Lösung.

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          Ein Coach in Berlin, angeklagt, seinen Judo-Klub gegründet zu haben mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche anzulocken und sexuell zu missbrauchen. Ein Trainer in Weimar, dessen Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs von minderjährigen Turnerinnen in 82 Fällen der Bundesgerichtshof wegen Verfahrensfehlern aufgehoben und zurückverwiesen hat ans Landgericht Erfurt. Ein Trainer in Markkleeberg, der aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf der sexuellen Belästigung junger Kanutinnen freigesprochen wird.

          Drei Fälle, die aufscheinen lassen, dass unter der Oberfläche des Sports Gewalt und Verbrechen lauern können. Nicht Einzelfälle seien der Skandal, sagt Johannes-Wilhelm Rörig, der Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Missbrauchs, sondern das Ausmaß dieser Gewalt. Jeder zehnte Erwachsene hat als Kind sexuelle Gewalt erfahren, unter Sportlerinnen und Sportlern in den Auswahlen des deutschen Sports hat jeder Dritte sich als Objekt sexuellen Missbrauchs erlebt.

          Vertrauen zwischen Kindern und Trainern

          Der Sport ist ein gefährdetes Feld. Eltern vertrauen ihre Kinder Trainern an, Kinder schenken Trainern Vertrauen. Der Wunsch, dazuzugehören, der Ehrgeiz, aufzusteigen, die Investition von jahrelangem Training können zu wunderbaren Ergebnissen führen, zu Erfahrung und Reife von Jungen und Mädchen, zu Zusammenhalt, Glück und Erfolg. Und sie können junge Menschen angreifbar machen und im schlimmsten Fall erpressbar. Nicht alle Fälle von Missbrauch werden geahndet, sie werden nicht einmal alle bekannt. Wie viele gebe es wirklich, fragte Familienministerin Franziska Giffey, als sie zur Unterstützung ihrer Forderung nach einer Dunkelfeldstudie die Kriminalstatistik zitierte; die Zahlen entsprächen bei weitem nicht der Realität.

          Empörung, harte Hand und Generalverdacht sind keine Lösung. Wie Herbert Reul, der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, aufgebracht von den Schreckensnachrichten aus Lügde, Bergisch Gladbach und Münster, sein Plädoyer für höhere Strafen von sexuellem Missbrauch mit der These begründet, dass dieser wie Mord sei, widerspricht ihm der Mediziner Jörg Fegert, Klinikdirektor und Experte aus Ulm. Mordopfer seien tot, Missbrauchsopfer dagegen hätten einen Anspruch auf lebenswertes Leben. Es gelte, ihnen Teilhabe zu ermöglichen. Wo wäre dies besser möglich als im Sport?

          Sport und Spiel stärken den Menschen und die Gesellschaft. Zugleich sind sie ein Bereich besonderer Nähe und Verletzlichkeit. Rörig verlangt eine verpflichtende Ausbildung für Lehrerinnen und Lehrer an den rund 30.000 allgemeinbildenden Schulen, um Sensibilität und Kompetenz zu schaffen für Prävention und den Umgang mit Opfern von sexuellem Missbrauch. Dreimal so viele Sportvereine wie Schulen gibt es in Deutschland. Erstaunlich, dass Rörig, der so viel mit Funktionären spricht, nicht die Deutsche Sportjugend würdigt. Diese hat juristische Orientierung und Handlungsempfehlungen zum Gegenstand der Trainerausbildung gemacht. Verpflichtend.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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