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Im Gespräch: Wolfgang Maennig : „Keine öffentlichen Gelder für Olympia!“

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Erwarten nicht die Mitglieder des IOC, dass ihre Spiele einen großartigen Rahmen bekommen und sie der Stadt ein Erbe hinterlassen?

Die olympische Familie fand es bis vor kurzem tatsächlich gut, dass ihre Spiele Anlass waren, Milliarden zu investieren. Das hat ihre Spiele und sie selbst aufgewertet. Das IOC hat oft gesagt, dass es Spuren hinterlassen wolle, dass es in Ländern und Regionen, in denen die olympischen Sportarten nicht so stark waren, diese verbreiten wollte. Aber der Rückgang der Bewerberzahlen vor allem aus demokratischen Ländern hat dem IOC gezeigt, dass es überzogen hat. Die Olympiakandidaten der Vereinigten Staaten wollen übrigens verfahren wie Atlanta 1996 - ohne Steuergeld. Wenn wir Deutschen mit einem ähnlichen Konzept kommen, haben wir zumindest gegenüber unseren schärfsten Wettbewerbern keinen Nachteil.

Deutschland hat in den vergangenen drei Dekaden bei den Versuchen, Olympische Spiele zu bekommen, extrem wenig Stimmen vom IOC bekommen. München 2022 ist am Widerstand der bayerischen Bevölkerung gescheitert. Ist das deutsche Olympia-Personal nicht gut genug?

Ich komme bitte wieder vom Ergebnis her. Ich habe versucht, zusammenzuzählen, wie viele Geschäftsführer es in den Olympiabewerbungen von Berlin, Leipzig und München gab. Ich bin auf 14 gekommen - wahrscheinlich habe ich einige vergessen. Die politischen Entscheidungsträger selbst haben regelmäßig nach relativ kurzer Zeit feststellen müssen, dass sie die Falschen ausgewählt hatten. Ja, es waren auch gute Führungspersönlichkeiten dabei, aber das waren Ausnahmen. Es war die Regel, dass wir die falschen Leute in der Führung der Olympiakampagnen hatten. Jedes Mal gab es Verdruss und schwindende Unterstützung in der Bevölkerung. Wir sollten analysieren, ob es systemische Fehler bei der Wahl der Olympiageschäftsführer in Deutschland gibt.

Wie meinen Sie das: systemisch?

Bei dem üblichen Gehalt, welches sich maximal an demjenigen von Messe-Geschäftsführern orientiert, bekommen wir offensichtlich nicht hinreichend viele gute Bewerbungen auf die als Schleudersitz wahrgenommene Geschäftsführerposition, für die sie dann nach aller Erfahrung auch noch in der Öffentlichkeit permanent kritisiert werden.

Eine bessere Bezahlung müssten Sie auch privat finanzieren.

Wenn wir für dieses Gehalt keine Weltklasse-Persönlichkeiten bekommen, sollten wir gar nichts bezahlen. Ehrenamtlich ist ein Top-Manager vermutlich eher bereit, den Job zu übernehmen, als für ein in seinen Augen mickriges Gehalt. Das klingt paradox, könnte aber eine Lösung sein: kein Lohn - bessere Bewerber. Dazu kommt: Vielleicht müssen wir die Illusion von einer einzigen Persönlichkeit die alles kann, aufgeben. Wie wäre es mit einem, sagen wir: Vierer ohne Steuermann? Einem Team, in dem alle geforderten Talente zusammenkommen. Wenn eine der Persönlichkeiten ausfällt, ist dies weniger von Belang. 

Macht das die Politik mit?

Ein schwieriger Punkt. Politiker werden von uns demokratisch legitimiert und fühlen sich erst mal zu Recht für alles von Bedeutung verantwortlich. Sie können nur bedingt Interesse an unabhängigen Olympia-Geschäftsführern haben. Deshalb fällt es vielen meiner politischen Gesprächspartner zu Olympia schwer, meinem Gedanken nahezutreten: Kein öffentliches Geld - kein Einfluss bei Olympia. Die Politik sollte ihre eigene Verantwortung aber hinterfragen, im positiven Sinne: Muss sie sich wirklich um Olympia kümmern, bis in jedes Detail? Ich bin überzeugt: Auch hier wäre ein öffentlicher Partizipationsprozess angemessen.

Das Gespräch führte Michael Reinsch.

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