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Im Gespräch: Wolfgang Maennig : „Keine öffentlichen Gelder für Olympia!“

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Ich nenne dies das Barcelona-Syndrom. Die Stadt war unter (Diktator, d. Red.) Franco vernachlässigt worden und hat aus Anlass der Spiele 1992 öffentliche Gelder in Höhe von vielen Milliarden Euro vom spanischen Staat erhalten. Die konnte sie in die Stadtentwicklung stecken. Barcelona gehört heute zu den Top Fünf der europäischen Tourismusziele. Das Problem: Seit Barcelona 1992 bewerben sich die Städte in aller Welt nicht etwa, weil sie die besten Sportler beherbergen wollen, sondern weil sie mit Mega-Events ihre Regierungen um Milliardenbeträge erpressen können. Sie missbrauchen Olympia als Stadtentwicklungsprogramm.

Hamburg plant Olympia als Teil seines Sprungs über die Elbe mit Stadion und Olympischem Dorf auf der Halbinsel Kleiner Grasbook. Berlin will das Flughafengelände Tegel entwickeln, vielleicht noch dazu Tempelhof und das Olympiagelände von 1936. Sind Stadtentwicklung, Wohnungsbau und die Schaffung von Sportstätten falsch?

Stadtentwicklung ist wichtig, aber wir laufen Gefahr, Olympia finanziell und inhaltlich zu überfordern. Wie soll Olympia in sieben Jahren den Sprung leisten, den Hamburg in Jahrzehnten nicht geschafft hat? Bei den deutschen Planungsanforderungen und rechtlichen Widerspruchsmöglichkeiten? Der öffentliche Widerstand ist abzusehen, und er wird auf das unschuldige Olympia projiziert. Man kann die Politik nicht durch Olympia aus der Verantwortung für sinnvolle Stadtentwicklung entlassen. Ich möchte den Zusammenhang zwischen Olympia und Stadtentwicklung grundsätzlich in Frage stellen. Olympia muss man wegen der Spiele an sich wollen, nicht wegen etwas anderem.

Sind Kosten von 3,5 Milliarden Euro für Berlin und sechs Milliarden für Hamburg realistisch?

Diese Frage ist so ähnlich wie die Frage, was ein Auto kostet. Man kann einen gebrauchten Dacia für 2000 Euro kaufen oder einen neuen Bugatti für eine Million. Wenn man Olympia für Stadtentwicklung im genannten Umfang nutzen will: ja, vielleicht reichen die genannten Milliardenbeträge - vielleicht auch nicht. Die Frage ist anders zu stellen, nämlich vom Ergebnis her: Wie viel Geld der öffentlichen Hand dürfen Olympische Spiele kosten, damit die Bevölkerung sie unterstützt? Die Antwort kann nicht in irgendeiner Milliardenzahl liegen, die glaubt die Bevölkerung in Berlin und Hamburg aus leidvollen Erfahrungen ohnehin nicht. Es gibt wohl nur eine einzige, vielleicht radikal erscheinende Lösung: keine öffentlichen Berliner oder Hamburger Gelder für die Olympischen Spiele. Das heißt keine öffentlichen Gelder für das Olympische Dorf. Das muss durch private Investoren gebaut werden. Und keine Sportstätten, die nicht aus den Olympiaeinnahmen finanziert werden können.

Könnten Sie das garantieren?

Ich würde es so machen wie Atlanta 1996 und Los Angeles 1984. Die Landesparlamente beschließen: Olympia ja, aber ohne Geld aus den Stadthaushalten. Wenn der Gesetzgeber das festschreibt, sollte es glaubwürdig sein. Und anfangen sollten wir mit den Kosten der Bewerbung. Keine öffentliche Finanzierung. Die Bewerbung muss vom zivilbürgerlichen Engagement getragen werden. Weitgehend ehrenamtlich, ansonsten ausschließlich über Spenden.

Wie wollen Sie Sicherheit privatisieren?

Zu Athen 2004 stellte die Nato Awacs-Flüge zur Überwachung des Luftraums bereit, und die 6. Flotte der US-Navy kreuzte im Ionischen Meer. Dennoch: die Zahlen, welche wir für die Olympiabewerbungen von München 2018 und Leipzig 2012 von der Bundeswehr, Bundespolizei und vom Zoll erhielten, waren lediglich kleine Millionenbeträge - mehr oder weniger olympiabedingte Sonderausstattung und Überstunden der Beamten. Die geringen Ansätze machen Sinn: Die 6. Flotte musste ohnehin irgendwo üben, es entstanden also kaum echte zusätzliche monetäre Belastungen. Einerlei, wo man in dieser unter Terror leidenden Welt eine Großveranstaltung hat, wird man immer Sicherheitsmaßnahmen brauchen. Das ist kein spezifisches Problem von Berlin oder Hamburg und auch keines der Olympischen Spiele. Es handelt sich um Sicherheits- und Terrorismus-Kosten, nicht um Olympia-Kosten.

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