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Sportwetten-Kommentar : Eine attraktive Abzocke

Ein Wettbüro: Die organisierte Kriminalität betreibt ihr Geschäft nahezu perfekt: Sie stößt in Märkte und Lücken, die sich ihr bieten – In diesem Fall im Sport. Bild: Amadeus Waldner

Funktionäre, die an Spielmanipulationen verdienen? Warum sollte das ein auf den Fußball beschränktes Phänomen sein. Kaum ein Geschäft ist attraktiver für die organisierte Kriminalität als die Wettindustrie.

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          3 000 000 000 000 Dollar. Drei Billionen. So hoch schätzt die australische Regierung den Jahresumsatz der globalen Wettindustrie. Andere sind konservativer und gehen von einer Billion aus. Ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen Kenner der Szene, vormals bei einem der großen englischen Buchmacher beschäftigt. Vor fünf Jahren seien es noch 500 Milliarden Dollar gewesen, in fünf Jahren würden es zwei Billionen sein. Wenn das so weitergeht, wären es um das Jahr 2030 acht bis zehn Billionen. 90 Prozent werden übrigens, laut australischer Regierung, auf dem Schwarzmarkt umgesetzt, unreguliert. Und das heißt auch: Es gibt kaum ein Geschäft, das attraktiver ist für die organisierte Kriminalität - um Geld zu verdienen, um Geld zu waschen.

          Und deshalb wirkt es fast niedlich, wenn Manager in Profisportarten erzählen, wie zuletzt bei den Tennisprofis in Melbourne zu beobachten, man wisse zu wenig über Probleme im eigenen Geschäft, einstweilen seien Medienberichte unbewiesene Spekulationen, man tue das Möglichste, Unholden Herr zu werden. Tatsächlich ist das natürlich alles andere als niedlich, sondern unprofessionell, grob irreführend und zumindest fahrlässig. Zu viele Kenner der Szene sagen, dass gerade im Tennis viel zu wenig getan wird, dass es nirgends so schlimm ist wie im Tennis, dass die Probleme in der Bundesliga anfangen und bei den ATP-Turnieren aufhören, auch bei Grand Slams.

          Und es war die International Tennis Federation, die im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlichte, die belegte, dass nur 1,8 Prozent von 8874 Profispielern und 3,1 Prozent der 4862 Profispielerinnen in aller Welt im Jahr 2013 einen Gewinn machten mit ihrem Beruf. Demnach mussten Männer mindestens auf Platz 336 der Rangliste der erspielten Preisgelder stehen, Frauen sogar auf Platz 253. Schon daraus erschließt sich, wie groß der Markt potentiell ist für manipulative Zuverdienste. Selbst wenn sich nun die 16 angeblich korrupten Profis unter den Top 50, die von der BBC und Buzzfeed aus den Daten gefiltert wurden, mit einer Art kollektiver Selbstanzeige outen würden, wäre das Problem längst nicht beseitigt.

          Dazu ist es viel zu ernst. Die organisierte Kriminalität betreibt ihr Geschäft nahezu perfekt: Sie stößt in Märkte und Lücken, die sich ihr bieten. In diesem Fall im Sport. Er ist den Kriminellen teils hilflos ausgeliefert, teils aktiv beteiligt. Funktionäre, die an Spielmanipulationen verdienen? Warum sollte das ein auf den Fußball beschränktes Phänomen sein oder nur in Osteuropa geschehen? Die Berliner Regierungskoalition bereitet ein Gesetz vor gegen die Spielmanipulation. Ein richtiger Schritt, ein wichtiges Zeichen. Am globalen Phänomen Wettbetrug aber wird es einstweilen wenig ändern - globale Kooperation ist der einzig ansatzweise erfolgversprechende Weg. Der Sport braucht Hilfe. Die erschreckenden Reaktionen aus dem Tennis zeigen, wie dringend sie nötig ist.

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