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Kanu-Sportdirektor Jens Kahl : „Was soll denn Staatssport sein?“

Das glaube ich nicht. Es gibt keinen Vorzeige-Verband, alle haben Reserven. Sie sind noch nicht gut genug aufgestellt, um den Erfolg zu verstetigen. Ich brauche in unserer Sportart zum Beispiel unbedingt die Verzahnung mit dem Nachwuchs, damit die Sportlerinnen und Sportler qualitätsgerechter oben ankommen. Wenn das ausbleibt, ist bei uns in zwölf Jahren Schluss. So sieht es in allen Verbänden aus.

Der DKV war auch in Rio Deutschlands erfolgreichster Fachverband
Der DKV war auch in Rio Deutschlands erfolgreichster Fachverband : Bild: AP

Kern des Spitzensportkonzeptes ist es, Verbänden und Athleten ohne Medaillen-Perspektive die Förderung zu streichen. Führt das nicht automatisch zu einer Konzentration von Sportarten und Disziplinen?

Ich glaube nicht, dass Sportarten abgeschnitten werden. Wer geschickt genug ist, sein Potential darzustellen, wird gefördert werden.

Ein Gremium und ein Computer, der mit Bewertungsattributen gefüttert wird, sollen entscheiden, welche Sportarten und Disziplinen innerhalb der Sportarten gefördert werden...

Die Potentialanalyse-Kommission soll vorrangig prüfen, ob die Berechnung der Bewertungsattribute durch den Computer plausible Ergebnisse liefert. Der DOSB prüft zusätzlich aus sportfachlicher Sicht, ob die Konzepte der Spitzenverbände aufgehen können, ob funktioniert, was eingereicht wird. Er wird auch Zielvereinbarungen treffen und Meilensteingespräche führen. Über die Höhe der Mittel soll eine Förderkommission entscheiden, in der der DOSB, der Bund und auch die Länder sich mit der Bewertung durch die Potenzialanalyse-Kommission auseinandersetzen. Sie verteilt das Geld. Im Wesentlichen wird das nicht anders werden als bisher, aber mit mehr Qualität verbunden sein.

Was braucht der Sport, um die Reform umsetzen zu können?

Eine Vielzahl des Personals, über das er jetzt verfügt. Ich kann nur über den Kanu-Verband sprechen. Wir wollen Weltspitze sein. Dafür werden wir mehr Personal einstellen müssen.

Der Innenminister im Gespräch mit Rios Doppelolympiasieger Sebastian Brendel
Der Innenminister im Gespräch mit Rios Doppelolympiasieger Sebastian Brendel : Bild: dpa

Kann der DOSB, der Spitzensport-Personal verloren hat und verliert, seinem Führungsanspruch gerecht werden?

Momentan wahrscheinlich nicht. Die Frage ist nicht abschließend beantwortet, wer die Strukturgespräche führen wird. Sind diejenigen, die mit den Verbänden am Tisch sitzen, in der Lage zu bewerten, ob wirklich Potential in der Disziplin steckt oder nicht? Allein mit 32 Olympischen Spitzenverbänden zu reden, wird länger dauern als einen Monat. Das wirft die Frage auf: Wer wird dort sitzen und wie schnell können wir Ergebnisse erwarten?

Bund und Länder werden das zusätzliche Personal bezahlen müssen. Zielt die Reform auf die Schaffung von Staatssport?

Was soll Staatssport sein? Die Verbände können gewiss nicht die Mittel aufwenden, um ihr Personalproblem zu beheben. Das ist nur zu lösen, wenn mehr Geld vom Staat kommt. Das ist doch normal: Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing. Wenn ich Geld vom Staat will, und das finde ich gar nicht ungewöhnlich, muss ich auch dessen Interessen vertreten.

Reicht es, wenn der Staat mehr als die bisherigen 160 Millionen Euro gibt?

Wenn er mehr gibt, ist das die Grundlage, Personal einzustellen. Wir müssen feststellen, dass es in Deutschland keine einzige Institution gibt, die Personal für den Spitzensport ausbildet. Meinen Beruf, Sportdirektor, finden Sie an keiner Universität als Ausbildungsfach. Nicht einmal eine akademische Trainer-Ausbildung gibt es in Deutschland.

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