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Vor dem Regime geflohen : Der Krimi um Irans Judoka Mollaei

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Nachdenklich: Saeid Mollaei bei einer Pressekonferenz in Ratingen Bild: dpa

Saeid Mollaei hat harte Zeiten hinter sich. In seine Heimat Iran kann der frühere Judo-Weltmeister nicht zurück. Nun lebt er an einem geheimen Ort in Deutschland. Seinen Traum gibt er trotzdem nicht auf.

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          Saeid Mollaei kommt im hellblauen Hemd, dunkler Hose und blauen Freizeitschuhen. Der 28 Jahre alte iranische Modellathlet wirkt nicht wie ein Sportler, der im vergangenen halben Jahr eine schwere Zeit durchgemacht hat. „Ich fühle mich sehr gut, konnte viel und gut trainieren und einige Wettkämpfe machen“, sagt der Judoka, der trotz widriger Umstände konsequent seinen Weg geht. „Mein Traum ist, bei Olympia für die Mongolei zu starten und einen Medaille zu gewinnen.“

          Bei einer von der Internationalen Judo-Föderation (IJF) organisierten Pressekonferenz in einem Hotel in Ratingen gewährt der Judo-Weltmeister von 2018 (Klasse bis 81 Kilogramm) am Montag Einblicke in sein Seelenleben und seine Zukunftspläne. Mollaeis Geschichte hatte im vergangenen Herbst bei der WM 2019 in Tokio hohe Wellen geschlagen.

          Der Iraner war von Verantwortlichen seines Verbandes und Offiziellen des autoritären Regimes angewiesen worden, im Halbfinal-Kampf gegen den Belgier Matthias Casse nicht anzutreten oder absichtlich zu verlieren – weil sich ein Finale gegen den Israeli Sagi Muki anbahnte. Seit Jahrzehnten verbietet es Iran seinen Sportlern, gegen Israelis anzutreten. Iran erkennt Israel als Staat nicht an.

          „Ich hatte große Angst“

          Gleichwohl ging der Judoka gegen den Belgier auf die Matte, verlor den Kampf völlig entnervt und auch das anschließende Duell um die Bronzemedaille. Muki wurde Weltmeister. „Es war extrem schwierig für mich. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich hatte große Angst. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr kontrollieren und musste in diesem Zustand auf die Matte“, berichtet Mollaei später.

          Saeid Mollaei mit Turmbahn bei der Judo-WM im vergangenen Jahr in Tokio.

          Nach der WM, wo er als Titelverteidiger angereist war, setzte sich Mollaei nach Deutschland ab, lebt an einem unbekannten Ort. Seit vergangenem Dezember geht der Athlet international unter mongolischer Flagge auf die Judo-Matte. „Ich habe nie etwas Schlechtes über Iran gesagt. Ich bin nicht politisch“, betont Mollaei, der wohl nach wie vor Repressalien des Regimes fürchten muss. Dennoch betont er: „Ich fühle mich als Iraner und bin stolz darauf. Aber ich bin auch Sportler. Iran akzeptiert zwar offiziell die Olympische Charta, aber er respektiert sie nicht. Das ist die Wahrheit.“

          Seit seiner Flucht lebt er in Deutschland, kommt nach eigenem Bekunden ohne Personenschutz aus. Wie ein IJF-Sprecher berichtet, wird sein Umfeld aber von deutschen Behörden beobachtet, um ihn zu schützen. „Ich weiß von iranischen Medien und Berichten aus der Heimat, dass weiter versucht wird, Druck auszuüben. Die Situation ist sehr unglücklich, weil ich nun weit weg von meiner Familie und meinen Freunden lebe. Aber ich stehe zu meiner Entscheidung und bekomme von vielen Seiten Unterstützung“, sagt der Judoka.

          Inzwischen hat der Weltranglisten-Vierte, der auch beim Grand Slam in Düsseldorf in der vergangenen Woche antrat, seinen persönlichen Trainer aus Iran bei sich. „Er kennt mich am besten. Es ist sehr wichtig für mich, dass er da ist, damit ich mich optimal auf Olympia vorbereiten kann. Er hilft mir, auf mein Niveau zu kommen.“ Um die Geschehnisse und die komplizierte Situation zu verarbeiten, stehe er zudem mit einem Psychologen in Iran regelmäßig in Kontakt, „über Telefon oder die sozialen Medien“. Mehrfach betont der frühere Weltmeister, dass er Sportler sei und seiner Heimat nicht aus politischen Motiven den Rücken gekehrt habe. Das ist ihm wichtig.

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