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Aussichten bei Olympia : Ist die Potential-Analyse kompletter Schwachsinn?

Bestnoten: Die Badmintonspieler um Nationalspielerin Yvonne Li schneiden bei PotAs gut ab. Bild: EPA

Lange kreißte die Spitzensportreform. Jetzt gebiert sie einen Sieger: Badminton, eine Sportart, in der Deutschland noch nie eine olympische Medaille gewonnen hat. Einige Verbände scheinen das System überlistet zu haben.

          3 Min.

          Die größten Erfolgsaussichten unter den olympischen Sommersportarten Deutschlands hat: Badminton. So jedenfalls bewertet die unabhängige Potential-Analyse (PotAs) für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium die Sportart, aus der bei Olympischen Spielen noch kein deutscher Athlet je eine Medaille gewonnen hat. Nummer 26 und damit Letzter der am Mittwoch veröffentlichten Rangliste: Rudern mitsamt dem Deutschland-Achter, der dieses Jahr zum dritten Mal hintereinander Weltmeister geworden ist, mit dem Einer-Weltmeister Oliver Zeidler sowie den Olympiasiegern im Doppel-Vierer.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In der Kategorie Kaderpotential und Leistungsentwicklung ganz am Ende: Basketball. Die Nationalmannschaft der Männer ist zwar bei der WM in China gescheitert, doch mit sechs Profis in der NBA und dem stärksten Jahrgang (1998) seit Jahrzehnten steht Bundestrainer Rödl so viel Talent zur Verfügung wie keinem seiner Vorgänger.

          „Einige Verbände haben das System überlistet“

          Die Politik wartet gar nicht erst auf Kritik an der Analyse, die sie dem Sport im Zuge von dessen Leistungssportreform aufgezwungen hat, mit 600.000 Euro aus dem Haushalt des Innenministeriums finanziert und zur Basis seiner Förderung machen will. Es nimmt sie vorweg. „Wir werden sofort eine Diskussion über PotAs haben, wenn die Ruderer unser erfolgreichster Verband in Tokio sind und Badminton dort keine Medaille holt“, sagt Staatssekretär Markus Kerber. Er beschreibt ein Szenario, das bei den Olympischen Spielen von Tokio in acht Monaten Wirklichkeit werden könnte.

          Die Diskussion gibt es jetzt schon. „Kompletter Schwachsinn“, urteilt ein Verbandspräsident: „Einige Verbände haben das System überlistet“, interpretiert Thomas Kurschilgen, Sportdirektor der Schwimmer, die Ergebnisse. Er ist nicht der Einzige. Für die Theorie von den cleveren Verbänden spricht, dass acht mit insgesamt 35 Disziplinen und Disziplingruppen, von Badminton Frauen über alle zehn Disziplingruppen der Leichtathletik bis zu griechisch-römisch Ringen der Männer, mit einem „Potenzial- und Entwicklungswert“ von hundert Prozent zugleich Nummer eins dieser Rangliste sind. Ein Sportdirektor warnt vor „Potemkinschen Dörfern“.

          Und der Vorsitzende des Ruderverbandes, Siegfried Kaidel, hat, wie er sagt, „den Eindruck, dass PotAs vorrangig das Produzieren von Papier und Formalismen positiv bewertet“. Sein Verband setzt darauf, dass sich die Sportförderung des Bundes auch in Zukunft an Ergebnissen der wichtigsten Wettkämpfe orientiert, die in Mannschaftssportarten wie dem Rudern immer auch das Ergebnis passender Strukturen sind. Ein Fehler sei zum Beispiel, „Männer-Riemen“ mit dem Deutschland-Achter auf eine Stufe zu stellen mit „Frauen-Riemen“, einer Disziplin, die aus einem sportlichen Tief erst über die Jahre aufgebaut werde. Im U-19-Bereich sei der deutsche der weltweit erfolgreichste Ruderverband, werde von PotAs aber wegen eines angeblich fehlenden Nachwuchskonzeptes schlecht bewertet.

          Den Basketballern hat die neue olympische Disziplin 3×3 die Bilanz verhagelt. Sie wird nicht vom Bund gefördert, deshalb gibt es weder einen Sportdirektor noch wissenschaftliche Begleitung beim Verband – und zweitklassige Ergebnisse. „Ich wollte denen nichts in die Tasche lügen“, sagt Verbandspräsident Ingo Weiss: „Vielleicht waren andere cleverer.“

          PotAs muss selbst evaluiert werden

          Was mit einem Aufwand, der im vergangenen Jahr die Geschäftsstelle manches Verbandes lahmzulegen drohte, mehr Effektivität im Spitzensport schaffen soll, wirkt auf den ersten Blick wie eine Farce. Denn vorerst sind zwei von drei Kategorien in die Analyse eingeflossen, neun von dreizehn sogenannten Attributen. Erfolge, bisher wichtigstes Kriterium bei der Vergabe von staatlichen Fördermitteln, werden nach den Olympischen Sommerspielen ergänzt. Am 28. August 2020, weniger als drei Wochen nach der Schlussfeier von Tokio, soll die Potential-Analyse abgeschlossen sein und den Teilnehmern der Förderverhandlungen für den Olympiazyklus auf die Spiele von Paris 2024 hin zur Verfügung stehen. Um vier bis acht Jahre Zeit bis zur Bewertung seines Systems bittet der Sportwissenschaftler Urs Granacher von der Universität Potsdam, Leiter der PotAs-Kommission: dann werde man sehen, ob es greift, überbordet oder nutzt.

          Weltmeistertitel helfen nicht: Die Ruderer sind ganz hinten im Ranking.

          Kurschilgen vom Schwimm-Verband und sein Kollege Jörg Bügner von der Triathlon-Union sind durch die monatelange Beschäftigung mit dem Fragenkatalog PotAs-Experten geworden. Beide beklagen, dass die internationale Konkurrenz der Sportarten nicht in die Bewertung einfließe. Sportarten mit dominierenden Ländern wie Schwimmen mit den Vereinigten Staaten und Wasserspringen mit China würden zudem in der Kategorie Erfolg benachteiligt. Zudem müsse PotAs selbst evaluiert werden. Weniger die Sportler und ihr Umfeld stünden dort im Vordergrund, sagt Kurschilgen; vielmehr würden Verbandsstrukturen bewertet.

          Bügner, Sprecher der Sportdirektoren der Fachverbände, amüsiert sich über die Schlagzeilen zur Rangliste. „Es geht doch nicht darum, mich mit anderen deutschen Verbänden zu messen“, sagt er. „Ich messe mich mit dem britischen und neuseeländischen Triathlon-Verband. Deshalb beginnt der interessante Teil von PotAs jetzt: indem wir nutzen, was wir aus der Analyse gelernt haben. Wir dürfen jetzt nicht aufhören.“

          Ein Jahr lang hat er an den Antworten gearbeitet, zeitweise mit sieben hauptamtlichen Kollegen, hat siebzehn Konzepte schreiben, Dutzende Gespräche protokollieren und Hunderte Dokumente hochladen müssen. Ein Horrorszenario wäre, sagt er, all dies nicht zu nutzen, sondern in der Schublade verschwinden zu lassen. Schließlich gelte es, die alte Förderung zu überwinden, die auf Addition der Zahlen der Olympia-Teilnehmer eines Verbandes, seiner Disziplinen bei Olympia und der mit drei multiplizierten Zahl der dort gewonnenen Medaillen basierte. So einfach ist die Erfolgsformel PotAs nicht.

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