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Keine Freiheit für Frauen : Iranische Trauerspiele

Seltenes Bild: Iranische Frauen bei einem Fußballspiel Bild: EPA

Frau, Leben, Freiheit: Die Islamische Republik Iran zeigt gerade im Sport ihre Verachtung für diese Forderung – nicht nur angesichts der Hinrichtungen und Folterungen auch von Sportlern.

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          Es ist gerade mal fünf Monate her, da durften rund 500 Iranerinnen ein Ligaspiel ihres Lieblingsvereins FC Esteghlal im Teheraner Azadi-Stadion sehen. Eine Aufhebung des Stadionverbots für Frauen durch die Islamische Republik war das nicht, aber im Teheraner Großstadion, hieß es, sollten wenigstens einige Frauen künftig immer zuschauen dürfen, wenn dort Esteghlal und Persepolis, die wichtigsten Klubs des Landes, spielten.

          Keine vier Wochen später starb Dschina Mahsa Amini im Gewahrsam der Sittenwächter, und die ganze Welt erfuhr, dass Azadi Freiheit heißt: Unter dem Slogan Zan, Zendegi, Azadi – Frau, Leben, Freiheit – formierte sich der Protest der Bürgerrechts- und Freiheitsbewegung. Die Islamische Republik Iran reagierte erwartbar und zunehmend brutal in den Straßen und ebenso vorhersehbar im Stadion: die Zuschauer mussten draußen bleiben, die Spieler wurden gezwungen, vor leeren Kulissen weiterzuspielen.

          Wer Sympathien für den Protest erkennen lässt, wird sanktioniert, am vergangenen Spieltag traf es Reza Shekari. Der Mittelfeldspieler des Klubs Gol Gohar aus der südiranischen Stadt Sirdschan traf gegen Tractor Täbris, jubelte aber nicht und erklärte anschließend in einem Interview, die Spieler spielten nur, weil sie gezwungen werden. Die Situation in Iran sei nicht gut, die Menschen trauerten. Shekari wurde umgehend und bis auf Weiteres suspendiert, denn wer das Offensichtliche ausspricht, stört die Darstellung des Regimes, nach der im Lande alles weitgehend in Ordnung sei.

          Das Stadionverbot gilt wieder

          Um das zu belegen, lassen die Machthaber nun auch Zuschauer zurück in die Stadien. Am Donnerstag spielt der FC Esteghlal gegen Malavan aus Bandar Anzali vor Zuschauern. Nicht vor Zuschauerinnen. Wie der Ligachef am Montag bekanntgab, gilt das Stadionverbot für Frauen nun auch wieder im Azadi-Stadion – für Zuschauerinnen sei keine Infrastruktur vorhanden. Keine Freiheit für Frauen, schon gar nicht im Stadion – und wie wenig das Leben der Bürgerinnen und Bürger der Islamischen Republik wert ist, zeigt sich nicht nur angesichts der Hinrichtungen und Folterungen auch von Sportlern.

          Am Montag berichtete die Menschenrechtsorganisation Kurdistan Human Rights Network vom Schicksal der Bogenschützin Kosar Khoshnoush Kia. Im November 2021 war sie mit zwei weiteren Compound-Schützinnen der Islamischen Republik Iran Zweite der Asienmeisterschaften im Teamwettbewerb geworden. Am 9. Dezember 2022 schossen Milizen der Islamischen Republik Iran in der Großstadt Kermanshah auf Demonstranten. Kosar Khoshnoush Kia wurde getroffen. Trotz mehrerer Operationen konnten die Ärzte ihr linkes Auge nicht retten. Wegen Meldungen wie dieser wissen nicht nur die iranischen Fußballprofis, zu was sie gezwungen werden: Sie müssen zu Trauerspielen auflaufen.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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