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Irak : Folter und Tod im "olympischen Gefängnis" von Udai Hussein

Umstrittener Präsidentensohn: Udai Hussein Bild: AP

Das Internationale Olympische Komitee muß sich mit einem brisanten Thema befassen: Es geht um ermordete und gefolterte Sportler und die Verhöhnung der olympischen Ringe als Etikett für Terror und Gewalt.

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          Das Internationale Olympische Komitee (IOC) muß sich in diesen Tagen mit einem Thema befassen, das mit der heilen Welt des Sports nichts mehr zu tun hat. Es geht um ermordete und gefolterte Sportler, die Verhöhnung der olympischen Ringe als Etikett für Terror und Gewalt und den zynischen Mißbrauch hoher sportpolitischer Ämter durch Udai Hussein, den ältesten Sohn des irakischen Diktators Saddam Hussein.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Udai Hussein ist Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für den Irak und des irakischen Fußballverbandes. Mitten im Irak-Konflikt bemüht sich das IOC zwar um eine neutrale Haltung, doch angesichts der amerikanischen und britischen Politik scheint ein rein auf die Belange des Sports bezogener Weg schwer. “Wir müssen strikt unsere Neutralität wahren“, betont IOC-Vizepräsident Thomas Bach, “und dürfen uns nicht von politischen Erwägungen leiten lassen, so ehrenwert sie auch sein mögen.“

          An dem grundsätzlichen Problem kommt das IOC nicht mehr vorbei, seit die in London ansässige Menschenrechtsorganisation Indict eine Beschwerde an die IOC-Ethikkommission geschickt hat, in der sie den Ausschluß des Iraks aus der olympischen Familie fordert. Insgesamt wirft Indict dem NOK und seinem Präsidenten elf Verstöße gegen den Ethik-Code des IOC vor.

          NOK-Sitz als Privatgefängnis

          Den Olympiern in der Exekutive dürfte der Atem gestockt haben, als die Ethikkommission vergangene Woche in Lausanne die Beschwerdepunkte vortrug. Udai Hussein wird unter anderem vorgeworfen, im Haus des NOK in der Palestine Street in Bagdad, über dem die Fahne mit den fünf olympischen Ringen weht, ein Privatgefängnis zu unterhalten, in dem er Sportler habe einsperren, foltern und ermorden lassen, weil sie bei ihren Wettkämpfen schlecht abgeschnitten, das Regime kritisiert, sich Befehlen widersetzt hätten, ihre Karriere beenden wollten oder auch nur für Udai Husseins Geschmack zu populär geworden seien.

          Außerdem heißt es in der Beschwerde, daß Udai Hussein im NOK-Gebäude in Bagdad Umschlagplätze für Schmuggelware und andere illegale Aktivitäten unterhalte. Saddam-Biograph Con Coughlin beschreibt außerdem mit Bezug auf Udais Privatsekretär Abbas Janabi, daß er auch unbotmäßige Mitarbeiter im Olympia-Gefängnis habe schmachten und quälen lassen, oder reiche Geschäftsleute, für die er ein Lösegeld erpreßte. Die Zellen im Keller, die Udai jahrelang sogar vor seinem Vater geheimgehalten habe, böten Platz für 520 Häftlinge.

          Ethikkommission prüft Vorwürfe

          Die Ethikkommission, so hieß es nach der Exekutivsitzung in Lausanne, sei dabei, die Vorwürfe zu untersuchen, werde die Ergebnisse aber vorerst vertraulich behandeln. “Wir müssen die Anschuldigungen sorgfältig prüfen“, sagt Bach, “aber wir müssen den Eindruck vermeiden, wir würden auf Zeit spielen.“

          Die Ethikkommission, der die IOC-Mitglieder Keba Mbaye (Senegal) und Chiharu Igaya (Japan) angehören, sowie die einstigen hochrangigen Politiker Robert Badinter (Frankreich), Javier Perez de Cuellar (Peru), Kurt Furgler (Schweiz) und Sir Ninian Stephen (Australien), außerdem der einstige Hürdenläufer Edwin Moses, ist zur Zeit dabei, die von Indict eingereichten Zeugenaussagen und Medienberichte zu überprüfen.

          “Wir versuchen, so viele Informationen wie möglich zu bekommen“, sagt IOC-Präsident Jacques Rogge. “Es ist jedoch sehr schwierig, dabei erfolgreicher zu sein als Waffeninspekteure.“

          Vor diesem Problem stehen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International schon lange. “Es ist schwierig, aus dem Zentrum der Macht gesicherte Informationen zu bekommen“, sagt Ruth Jüttner, die deutsche Nahost-Expertin von Amnesty. Doch daran, daß es im Irak gravierende Menschenrechtsverletzungen gebe, könne kein Zweifel bestehen: “Und zwar seit mehreren Jahrzehnten.“ Darum liege die Vermutung nahe, daß jetzt hauptsächlich aus aktuellen politischen Gründen eine Öffentlichkeit hergestellt werde.

          Horrorgeschichten aus dem Sport

          Insofern könnte die Tatsache, daß Indict hauptsächlich von der amerikanischen Regierung finanziert wird, einen Hinweis darauf geben, warum gerade zu diesem Zeitpunkt das öffentlichkeitswirksame IOC ins Spiel gebracht wird. Auch dieses braucht aber eindeutige Beweise, um reagieren zu können. Zweifelhaft wirkt etwa ein der Beschwerde beigefügtes Bild, das den malträtierten Rücken eines Tischtennisspielers zeigen soll, auf dem aber ein recht unsportlicher Körper zu sehen ist.

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